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Niavaranis "Interview"-Gäste

Franzobel: "Schwanke zwischen Hypochondrie und Scheißdrauf"

02.05.2011 - 11:12
Der Schriftsteller, der sich als "kindsköpfig verspielte Frohnatur" bezeichnet, über Erkenntnisse im Schlaf, Sex im Leben und naturtrübe Zeitgenossen.
© Schoendorfer/picturedesk.com

Michael Niavarani stellt Franzobel seine relevanten Fragen.


Allgemein

Michael Niavarani: Wie heißen Sie?

Franzobel, aber das ist nicht mein richtiger Name, eigentlich heiße ich Franz Zobel, obwohl mich meine Freunde Stefan nennen, nur meine ehemaligen Mitschüler sagen Kaiser. Für öffentliche Ämter heiße ich wieder Griebel. Aber Menschen, die mich gar nicht kennen, sagen meistens Zumtobel zu mir.

MN: Wie geht es Ihnen?

Ich fühle mich sehr inhomogen.

MN: Wie spät ist es?

13,7 Milliarden Jahre und ein paar Zerquetschte nach dem Urknall.

MN: Wie ist das Wetter?

Diesig. Der Himmel ist graumeliert.

MN: Wo sind Sie gerade?

Daheim, im Bett. Wien, Karmelitermarkt.


Beruf

MN: Was sind Sie von Beruf?

Dichter und Revolutionär.

MN: Haben Sie an Ihrer Karriere gezielt gearbeitet, oder hat die Liebe für Ihre Arbeit zu Ihrer Karriere geführt?

Immer, wenn ich gezielt an etwas gearbeitet habe, hat es zu nichts geführt. Sobald ich mir nichts erwartet habe, ist etwas gekommen. Liebe? Wer sagt, dass ich die Schreiberei liebe? Das hat eher mit Trieb und Wolllust, aber wahrscheinlich auch mit Eskapismus und Besessenheit zu tun.

MN: Der ungerechtfertigte Erfolg eines Konkurrenten oder der eigene ungerechtfertigte Misserfolg - was ärgert Sie mehr und warum?

Erfolg ist immer ein Missverständnis. Erfolg in der Kunst ist dubios. Es irritiert mich aber, dass ich jetzt schon viel erfolgreicher bin, als es die meisten meiner Vorbilder zu Lebzeiten gewesen sind.

MN: Wie viel Prozent Ihres Jobs würden Sie auch gerne ausüben, wenn Sie dafür kein Geld bekämen?

Weiß nicht. Schreiben 80, 90 Prozent, es gibt ein paar besser bezahlte Auftragstexte, die ich wahrscheinlich nicht machen würde. Lesungen? Interviews? Fragebögen ausfüllen? Anfragen von Schülern und Studenten beantworten? Für das meiste bekomme ich eh nichts.


Leben

MN: Sind Sie dort, wo Sie immer hinwollten?

Ich weiß nicht, wo ich immer hinwollte, meistens wollte ich nur weg und jetzt bin ich halt da. Im Alter möchte ich auf Tahiti sein, vielleicht aber auch nur auf Capri, momentan ist Wien ganz gut.

MN: Haben Sie noch ein großes Ziel (welches?), oder reicht Ihnen Ihr momentaner Status?

Mit 70 hätte ich gern den Nobelpreis. Aber eigentlich ist jedes neue Buch eine Herausforderung, auf die Bergsteigersprache übertragen heißt das, ein paar Gipfel bleiben mir noch, obwohl ich schon einige schöne Stempel in meinem Gipfelbuch habe.

MN: Sind Sie eher glücklich oder eher unglücklich?

Leider viel zu glücklich. Künstler, heißt es, sollen gefälligst leiden, damit die Gesellschaft sie erträgt. Ich leide ungern und bin eine kindsköpfig verspielte Frohnatur.

MN: Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten sich für Ihr Glück rechtfertigen? (Warum?)

Nie.

MN: Wenn alles gerade gut läuft in Ihrem Leben, haben sie dann Angst, dass Sie etwas davon verlieren könnten, oder genießen Sie Ihr Glück, egal, was danach kommen mag? Waren Sie schon immer so?

Vor irgendetwas habe ich immer Angst. Wenn alles gut läuft, habe ich zumindest Zahnschmerzen und werde an Pompeji in meinem Mund (viele Scherben) erinnert.

MN: Wenn Sie etwas wissen, was wenige Menschen wissen und was auf Ihre Bildung hinweist, müssen Sie das dann den Menschen unbedingt mitteilen?

Auf gar keinen Fall.

MN: Haben Sie jemals in der Schule nicht aufgezeigt, obwohl Sie die Antwort wussten?

Ich hab überhaupt nie aufgezeigt. Aber ich dachte auch lange Zeit, dass Lernen vor einer Schularbeit unlauter wär, weil es einem einen ungerechtfertigten Vorteil verschafft.

MN: Haben Sie in der Schule irgendetwas für Ihr Leben gelernt? Was?

Ja, wie man sich möglichst unauffällig durchmogelt und wie man sich Entschuldigungen schreibt.

MN: Wenn Ihr Leben verfilmt würde, wie wäre der Titel dieses Films und wen wünschen Sie sich in der Hauptrolle?

Dichterfürst mit, wenn er noch leben würde, Paul Hörbiger. Für andere Lebensphasen Shane MacGowan, Mickey Rourke, Yves Montand, Philippe Noiret, Tom Waits ...

MN: Was macht Sie trauriger? Träume, die noch immer unerfüllt sind, oder Träume, die vor langer Zeit schon in Erfüllung gegangen sind?

Mich machen nur Blödheit und Intoleranz traurig.

MN: Wovor haben Sie mehr Angst: Vor dem Vorgang des Sterbens oder vor der Tatsache, dass sie danach tot sind? Warum?

Ich habe Angst vor einer langen Krankheit, der Tod ist mir ziemlich wurscht.

MN: Fürchten Sie sich manchmal vor Dingen mehr als notwendig? Hätten Sie gerne ihre Ängste mehr unter Kontrolle?

Wenn ich Angst habe, bin ich sehr bei mir, das sind außergewöhnlich intensive Momente, die ich als Erfahrung auch fürs Schreiben nicht missen möchte. Ich schwanke ständig zwischen Hypochondrie und Scheißdrauf.


Philosophie

MN: Aus irgendeinem Grund (die gute Fee) müssen Sie sich zwischen diesen beiden Lebensweisen entscheiden: 1) Sie werden steinreich (mehrere Milliarden Euro) und bleiben sterblich. 2) Sie müssen mit 700 Euro im Monat auskommen und werden unsterblich. Wie entscheiden Sie sich und warum?

Unsterblich bin ich schon, also nehm ich die Milliarden.

MN: Besitzt der Mensch einen freien Willen? Was führen Sie als Beweis an?

Ja, weil so viel Dummheit, wie sie sich in den Menschen täglich zeigt, kann unmöglich vorherbestimmt sein.

MN: Glauben Sie, dass Gott, oder eine andere Instanz, Sie lenkt, oder dass Sie Ihr Schicksal selbst gestalten?

Ich glaube an Worte und Grammatik, vielleicht auch an Formeln und Poesie. Außerdem glaube ich an den Gott in mir und in aller Schöpfung, aber eher nicht an ein höheres Wesen, denn das müsste sich ernähren, Ausscheidung haben, sich fortpflanzen, etwas wollen ... Schicksalsgläubig bin ich trotzdem – wahrscheinlich aus einer Sehnsucht nach einer übergeordneten Instanz.

MN: Haben Sie manchmal davor Angst, dass Sie sich für Ihr Handeln auf Erden irgendwann an einem anderen Ort verantworten müssen?

An ein jüngstes Gericht glaube ich ebenso wenig wie an eine ausgleichende Gerechtigkeit. Aber natürlich werde ich mich immer vor mir selbst, vor meinen Kindern, Frauen, verantworten müssen.

MN: Ich selbst bin sehr davon beeindruckt, dass der Buddhismus als einzige Weltreligion nicht missioniert. Warum, glauben Sie, ist das so?

Weil die keine Kirchensteuer brauchen?

MN: Ihr Kind hat einen Mord begangen. Sie haben die Möglichkeit, alle Indizien verschwinden zu lassen. Würden sie das tun?

Wenn meine Söhne einmal jemanden umbringen, dann mich – dabei kann ich postfestum schwer behilflich sein.

MN: Wie kommen wir der Wahrheit näher? Durch Nachdenken oder durch Nachforschen?

Es gibt keine Wahrheit. Wie man zu den sie beschreibenden Formalismen kommt, soll der Lust überlassen bleiben. Wobei ich meine, die meisten Erkenntnisse werden einem im Schlaf geschenkt.


Partnerschaft

MN: Um Ihre Beziehung zu retten, würden Sie eher eine Paartherapie oder einen Romantikurlaub auf den Malediven buchen?

Wenn eine Beziehung gerettet werden muss, ist es besser, gleich Schluss zu machen. Von Therapien halte ich gar nichts.

MN: Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem realen Sexualleben und Ihren sexuellen Fantasien? Sehen Sie eine Chance, diesen Abstand zu verkleinern?

Mit zunehmendem Alter ist meine sexuelle Phantasie stetig geschwunden, während mein Sexleben exorbitant zugenommen hat. Mittlerweile habe ich weitaus mehr Sex im Leben als in der Phantasie.

MN: Haben Sie schon einmal während des Sex geweint?

Ich bin nah am Wasser gebaut, aber beim Sex? Ich weiß nicht. Gelacht habe ich schon oft, manchmal über die groteske Situation, manchmal über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, manchmal vor Glück.

MN: Wenn Sie die Gewissheit hätten, mit einer bestimmten Person immer guten, aufregenden, gewagten Sex haben zu können – würden sie dafür auf Ihren Führerschein verzichten und stattdessen immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren? Wenn nicht – was wäre ein fairer Deal?

Ich habe diesen Deal bereits mit meiner Frau, sie fährt.

MN: Wie leicht fällt es Ihnen, mit einer attraktiven Frau/mit einem attraktiven Mann zu sprechen und sich dabei nicht vorzustellen, wie es mit ihr/ihm im Bett wäre?

Relativ leicht, schwieriger ist es mit Zeugen Jehovas.

MN: Glauben Sie, ist sich Ihr Gesprächspartner dessen bewusst?

Keine Ahnung, da müssen sie die alten Damen von den Zeugen Jehovas fragen.


Politik

MN: Halten Sie den Krieg für ein legitimes Mittel, um politische Ziele zu erreichen?

Ich halte die Politik für kein legitimes Mittel, um Ziele zu erreichen. Und ich halte die Legitimität für unlegitim, um damit auf etwas zu zielen. Ich halte schon das Halten für illegitim und das Zielen für die erste kriegerische Handlung. Krieg ist ein Verbrechen und wird meist nur von Kriechern und Komplexlern propagiert. Ich bin für jeden Kampf gegen Ungerechtigkeit, aber gegen jeden Krieg. Ein Volk kämpft, ein Staat führt Krieg.

MN: In wie vielen Jahren wird es die erste österreichische Bundeskanzlerin geben?

Nicht in den nächsten 50 Jahren, was an den Strukturen der Großparteien liegt. Mittelfristig kommen massive wirtschaftliche Turbulenzen auf uns zu, vielleicht sogar ein Konflikt mit China, dann wird man wieder nach dem starken Mann rufen. Möglich, dass sich dann eine eiserne Lady findet ...

MN: In wie vielen Jahren wird es den ersten österreichischen Bundeskanzler geben, der einen türkischen Nachnamen trägt?

Das wird es gar nicht geben, vorher wird Österreich ein chinesisches Protektoriat.

MN: Wie erklären Sie sich die Tatsache, dass es in jeder Gesellschaft einen rechten Rand gibt?

Anfälligkeit für Fremdenhass, Chauvinismus, usw. erkläre ich mir mit dem Ödipus-Komplex, einem ungelösten Konflikt mit dem Vater. Der Nationalismus entspringt einem Minderwertigkeitskomplex und Gewaltbereitschaft einem Sprachproblem. Dazu kommt eine gewisse Naturtrübheit.


Zum Abschluss

MN: Wie spät ist es jetzt?

13, 7 Milliarden Jahre, ein paar Zerquetschte und noch ein paar Brösel nach dem Urknall.

MN: Welche Frage war Ihnen unangenehm?

Keine. Diese ist es.

MN: Welche Frage möchten Sie mir stellen?

Was bedeutet Niavarani? Mir fällt dazu nur ein: Nie ein Waran, aber immer ein Krokodil.

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