759 Millionen Analphabeten wurden im letzten Jahr von der UNESCO weltweit erfasst, 300.000 davon sind hierzulande registriert, wobei sich die Dunkelziffer um die 600.000 bewegen soll. Analphabetismus ist ein Thema, das längst auch in die Literatur Einzug gehalten hat.
Verloren - nicht nur im Schilderwald
Mit dem Film "Stanley und Iris", dessen Geschichte auf der Romanvorlage "Union Street" von Pat Barker basiert, wurden die Probleme, die sich in einem - durch Analphabetismus erschwerten -Alltagsleben ergeben, bereits Anfang der 90er-Jahre mit Robert de Niro und Jane Fonda in den Hauptrollen auf berührende Weise thematisiert. Es geht darin um einen technisch außerordentlich begabten Mann, der auf Grund dessen, dass er weder lesen noch schreiben kann, beruflich weit unter seinen Möglichkeiten bleibt und trotz hoher Intelligenz auch überall dort scheitert, wo Hinweistafeln, Straßenschilder und Formulare ins Spiel kommen.
Der Vorleser – ein Klassiker
In dem 1997 erschienen Roman "Der Vorleser" lässt der deutsche Schriftsteller Bernhard Schlink seinen Protagonisten Michael Berg als Ich-Erzähler auftreten und dem Leser seine Liebesbeziehung zu der um etliche Jahre älteren Schaffnerin Hanna schildern; eine Beziehung, die ihren Anfang nimmt, als er fünfzehn ist. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass die Geliebte weder schreiben noch lesen kann; doch jene, weiß er - der ihr vor jeder Liebesstunde auf ihren Wunsch aus Büchern vorlesen muss - lange nicht richtig zu deuten.
Erst Jahre später, als ihr - der ehemaligen KZ-Aufseherin – der Prozess gemacht wird, dem er als Jurastudent beiwohnt, sieht er sie wieder und erkennt ihr Problem, das sie letztendlich auch als einzige ins Gefängnis bringt, während alle anderen, in derselben Sache angeklagten Frauen, frei kommen.
Als Hanna in ihrer Zelle eines Tages ein Tonbandgerät und mit Weltliteratur besprochene Kassetten von ihrem ehemaligen Geliebten erhält, lässt sie das wieder hoffen; motiviert sie dazu, sich in der Gefängnisbibliothek die dazugehörigen Bücher zu besorgen und sich auf diesem Weg lesen und schreiben beizubringen. Ihre Hoffnungen werden zerschlagen, als sie auf ihre ersten selbstverfassten Briefe an Michael keine Antwort erhält, und sterben ganz und gar, als sie bei einem letzen Wiedersehen erkennen muss, dass es nach ihrer frühzeitigen Entlassung kein Zurück zu ihm geben wird.
Der Roman, der in 25 Sprachen übersetzt und auch als Film mit Kate Winslet in der Hauptrolle ein großer Erfolg wurde, zählt mittlerweile zu den Klassikern der Weltliteratur.
Verwirrend viele Worte
"Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert", stellt der Ich-Erzähler in Marie-Sabine Rogers heiter-berührenden Roman "Das Labyrinth der Wörter" fest, der dieser Tage auch als Taschenbuchausgabe und Hörbuch erscheint und Ende April als Film in die österreichischen Kinos kommt.
Der große, behäbige, völlig ungebildete und etwas unbeholfene Germain (im Film dargestellt von Gérard Depardieu) lebt in einem heruntergekommenen Wohnwagen im Garten seiner Mutter, hat nie eine Schule besucht und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben. Mit viel Liebe baut er Gemüse an, schnitzt Holzfiguren und zählt die Tauben im Park, denen er sogar Namen gibt.
Das graue, eintönige Dasein des gutmütigen Analphabeten erfährt eine Wendung, als er sich mit einer zierlichen, alten, sehr gebildeten Dame anfreundet, die - wie er - regelmäßig denselben Park besucht und die Tauben zählt.
"Eine schöne Geschichte"
Durch Margueritte (im Film dargestellt von Giséle Casadesus) erfährt Germain erstmals in seinem Leben liebevolle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die alte Dame versteht es auch, durch das Erzählen und Vorlesen von Geschichten sein Interesse an der Welt der Bücher und Wörter zu wecken. Allmählich entwickelt sich eine sehr innige Zuneigung zwischen den beiden, eine platonische Liebe, die Germain auch menschlich wachsen lässt. Sein Umgang mit anderen Menschen verändert sich, er beginnt die Dinge anders zu sehen und je mehr er weiß, umso mehr Fragen stellen sich mit einem Mal.
Den "Einfaltspinsel des Ortes" hat Gérard Depardieu nach eigenen Aussagen sehr gern gespielt; vom Roman selber zeigt er sich begeistert, denn "was braucht es sonst im Kino, wenn nicht eine schöne Geschichte wie diese?"
Lesetipps
Marie-Sabine Roger Das Labyrinth der Wörter - erscheint am 1. April 2011 im Taschenbuchverlag
Bernhard Schlink Der Vorleser - erschienen im Diogenes Verlag
Filmtipps
Stanley und Iris mit Jane Fonda und Robert de Niro
Der Vorleser mit Kate Winslet, David Kross und Ralph Fiennes
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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