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Ein Aprilscherz der Kunstgeschichte

22.03.2011
Wenn schon nicht wahr, dann zumindest gut erfunden ...

Die Geschichte ist nicht neu, wurde aber wieder aktuell, als im Herbst letzten Jahres die deutsche Übersetzung einer Künstlerbiografie mit dem Titel "Nat Tate: ein amerikanischer Künstler: 1928 – 1960" im Berlin Verlag erschienen ist.


Das gescheiterte Genie ...

Am 1. April 1998 lud David Bowie, der kurz zuvor seinen Verlag "21publishing" gegründet hatte, namhafte Kunstsammler, Künstler und Kritiker zu einer Buchpräsentation in das New Yorker Atelier des Künstlers Jeff Koons. Vorgestellt wurde der interessierten Kunstwelt die - von Bestsellerautor William Boyd verfasste - Künstlerbiografie über den in Vergessenheit geratenen Expressionisten Nat Tate, der im Alter von 31 Jahren - am Höhepunkt seiner Karriere - in einer Verzweiflungstat die meisten seiner Kunstwerke verbrannt und sich durch einen Sprung von einer Fähre in den Hudson River das Leben genommen hatte.

Die Veröffentlichung der Lebensgeschichte dieses möglicherweise verkannten Genies, das im Alter von acht Jahren seine Mutter verlor und das Glück hatte, von einem wohlhabenden Kunstsammler adoptiert zu werden, der sein Talent erkannte und ihn in jeder erdenklichen Weise förderte, sollte den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Künstler zu nachträglicher Würdigung verhelfen; und dazu beitragen, sein Werk, das zur selben Zeit im Rahmen einer Ausstellung präsentiert wurde, neu zu bewerten.


Man erinnert sich ...

Interesse und Anteilnahme all jener, die in der New Yorker Kunstszene Rang und Namen hatten, waren entsprechend groß. Jeder der Anwesenden wollte ihn - Nat - plötzlich gekannt haben, erinnerte sich besser oder schlechter an Begegnungen mit dem als kontaktscheu geltenden Künstler, stand dessen Werk nach wie vor begeistert gegenüber oder blieb dabei, es schon immer abgelehnt zu haben.

Eine sehr bekannte - mittlerweile verstorbene - Kunstsammlerin und Galeristin, die William Boyd allerdings nur in einem Interview, nicht aber in diesem Buch zitiert, soll sich sogar öffentlich damit gebrüstet haben, mit dem Verblichenen eine heiße Affäre gehabt zu haben. Das hätte sie besser nicht getan.


April, April ...

Tage später machte nämlich der gelungene Aprilscherz in allen englischsprachigen Medien seine Runde, denn: Nat Tate ist reine Erfindung. Einen Künstler mit diesem Namen hat es nie gegeben. Fotos, die sich in diesem Buch finden und angeblich aus dem Privatbesitz des Künstlers stammen, hat der Biograf auf einem belgischen Trödelmarkt erstanden, die gezeigten Kunstwerke selber gemalt; und natürlich sind auch Tates persönliche Begegnungen mit Picasso und Braque fingierte Geschichten. Peinlich ist dem Biografen eigentlich nur, dass er auch von "extrem renommierten Journalisten sehr ernsthaft zu der Biografie interviewt wurde".

Der Autor William Boyd, der früher selbst einmal Maler werden wollte und die Malerei seit Jahrzehnten als Hobby betreibt, hatte sich in Absprache mit David Bowie den einmaligen Spaß erlaubt, die Kunstwelt einmal so richtig an der Nase herumzuführen und damit für einen entsprechenden Skandal in der New Yorker Szene gesorgt. Kunstkritiker nahmen ihm das sehr übel, fühlten sich nachträglich blamiert und bloßgestellt, doch beim Publikum kam der gelungene Aprilscherz sehr gut an, vermutlich weil – so Boyd - die Menschen "Schwindel und Enthüllungen" lieben.


Gegen die Übermacht des Realen

In der Figur des fiktiven Künstlers Nat Tate habe er sein "Symbol für den mittelmäßigen Künstler, dem großer Ruhm zu Teil wird und der daran zerbricht" geschaffen, einen "Jedermann, halb Scharlatan und halb Genie". Das Buch zu schreiben war für den schottischen Schriftsteller und Drehbuchautor William Boyd aber auch eine Abwehr "gegen die Übermacht des Realen", die immerzu nach Fakten schreit.

Da man als Leser weiß, dass man hier in eine Lebensgeschichte eintaucht, die so niemals stattgefunden hat, aber doch jederzeit hätte stattfinden können, bleibt einem vor allem das Vergnügen an einer Geschichte, die – wenn schon nicht wahr, so doch wenigstens gut erfunden ist.


Lesetipps

William Boyd Nat Tate: ein amerikanischer Künstler: 1928-1960 - erschienen im Berlin Verlag

William Boyd Armadillo - erscheint am 18. Juni 2011 im Berliner Taschenbuchverlag

Bob Dylan The Drawn Blank Series - erschienen im Prestel Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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