Quelle: ZAMG

Interviews

Weitere Meinungsthemen

provokant - die Einserkolumne

Relevant Media

- provokant

Argentine: douze points

15.03.2013
Habemus Entertainment.

Interessant: Da geht es nur um einen neuen Papst, und alle Medien sowie das Volk der Twitternden und Facebooker kennt nur noch dieses Thema. Dabei ist es doch mehr als fraglich, welche Bedeutung die Kirche heutzutage hat. In den meisten Ländern wie in dem – nun mal den Vatikan umgebenden – Italien ist die "Mitgliederzahl" ohne Kirchensteuer sehr, sehr inoffiziell und nebulos. Oft gilt als Zählweise: Drin ist, wer getauft und nicht aktiv enttauft ist.

So entfaltete sich dennoch vergangene Woche ein Spektakel, das zwar überall aufmerksam, aber mit einer gewissen Gelassenheit beobachtet wurde. Man freut sich über einen Bahöö, einen harmlosen. Katastrophenmeldungen sind – ob echt oder medial hochgejazzt – sowieso inflationär vorhanden. Und so gibt man sich dem wohligen Schauer hin, Zeitzeuge eines geschichtsträchtigen Events zu sein. Selbst wenn es Wikipedia schon lange nicht mehr geben sollte, der Vatikan hat sicher irgendwo von Bernini entworfene Marmorplatten oder Papyrusrollen in kupfernen Zylindern von Michelangelo, auf denen in alle Ewigkeit der aus dem weißen Rauch entstiegene Franziskus dokumentiert wird. Und wir waren dabei!

Die Frage ist: Bleibt es bei der Erregung um eine Veranstaltung, bei der vor allem Kostüme, die Inszenierung und das Tamtam den eigentlichen Anlass übertreffen – à la Songcontest –, oder handelt es sich um eine Weichenstellung, deren Tragweite wir noch gar nicht erahnen?

Für ersteres sprechen – die Kostüme, die Inszenierung und das Tamtam. Auch beim Songcontest sind alle Kandidaten irgendwie skurril, und die Buchmacher könnten genauso gut würfeln. Zweiteres ist zumindest theoretisch möglich: Selbst Barack Obama, vulgo mächtigster Mann der Welt, weiß sofort, mit wem er sich offiziell eine "gute Zusammenarbeit" zu wünschen hat!

Aber so sehr der Vatikan bei seiner Show nicht kleckert, so wenig versucht er, bei der Papstwahl Wellen zu schlagen. So ist auch Franziskus offensichtlich ein Konsenskandidat, der für mehrere Aufgaben am geeignetsten scheint: Als Marketing-Akzent für den lateinamerikanischen Markt, der der katholischen Kirche wegbricht; als Hardliner in Familienfragen für die Konservativen; als kämpferischer sowie bescheidener Aufräumer gegen die schlechte PR einer schwer in Verruf geratenen Vatikanbank.

Wer diese Breite abzudecken hat, wird nicht für seine Spitzen gehired. Zum einen hat dieses Multitasking dem 76jährigen Papabile von fast allen Seiten Applaus eingebraucht, zum anderen ist zu erahnen: Dem pompösen Event der Ernennung wird kein Feuerwerk der Neuerungen folgen. Die Kirche wird Themen wie Homosexualität, Glaubensfreiheit, Verhütung etc. angehen wie eh und je. Der inhaltliche Rhythmus bleibt in Jahrhunderten getaktet.

Aber wen wird das noch interessieren, wenn die nächste große Papstcontest-Party steigt?

 

Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

 

Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech