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provokant - die Einserkolumne

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Auch in Italien ist die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst

01.03.2013
Wo lange Politik kaum mit Menschen und Wirtschaft kaum mit Geld zu tun hatte.

Es ist zu relativieren: Italien neigt zwar dazu, merkwürdige Gestalten in die Politik zu lassen, die Italiener tendieren allerdings genauso dazu, Politik nicht ernst zu nehmen. Regierungen sind etwa so beliebt und eine demokratische Angelegenheit wie schlechtes Wetter. Bezeichnend das geflügelte Wort: "Piove, governo ladro" (entspricht: "Es regnet, Sch***-Regierung.")

Regierungskrisen oder vorzeitige Neuwahlen – was in anderen europäischen Ländern als dramatische Entwicklung wahrgenommen wird, entlockt dem gelernten Italiener maximal die Geste. (Handrücken nach unten, alle Finger der Hand treffen sich an einem Punkt, der nach oben zeigt und wiederholt Richtung Gesicht pendelt.)

Man hat das Meer, das gute Essen, den Lebensstil. Rom ist weit weg; sogar in Rom.

Die Frage könnte gestellt werden: Haben die mehr als 60 Regierungswechsel der Nachkriegszeit das Volk an der Politik ermüden lassen, oder waren es die Wähler, die an Wichtigerem interessiert sind (Fußball etwa) und so den Vertretern die notwendige Unterstützung versagt haben?

Das Volksfazit ist jedenfalls: Regierungen kommen und gehen, Politiker kommen und gehen. Ebbe und Flut. Es zahlt sich nicht aus, sich sonderlich über jemanden aufzuregen.

Aber nicht nur die Politik ist lebensfern. In Italien hatte sich nämlich traditionell eine kleinteilige Parallelwirtschaft organisiert und etabliert, die abseits offizieller Regularien florierte. Subkutan sorgte es in der Volkswirtschaft für Stabilität und Liquidität, Geschäfte "schwarz" zu erledigen und eine Hand die andere waschen zu lassen.

Diese seltsame präzise Unordnung und abgekartete Desorganisation in der kleinteiligen Gesellschaft stößt in der grenzenlosen EU naturgemäß an seine Limits. Ein Clash of cultures ist vorprogrammiert. In einem überregionalen Wirtschaftsapparat ist Transparenz wünschenswert – während schon ein Mailänder nicht im Geringsten das Bedürfnis hat, sich in Geschäfte seines Nachbarn, geschweige denn eines Neapolitaners einmischen zu wollen.

Die Politiker der Union hätten darüber hinaus gerne – und das ist nicht Zeichen bürokratischer Humorlosigkeit – ernst zu nehmende Repräsentanten eines Landes. Die Einwohner dieses Landes wiederum gehen routiniert auf Distanz zu den selbst gewählten Volksvertretern – sind ja nur Diebe, die auch fürs Wetter verantwortlich sind.

Italien wird sich öffnen und politisch wie ökonomisch professionalisieren müssen, um auf europäischer Ebene zu funktionieren. Noch gilt aber: Rom ist fern. Brüssel noch mehr.

Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

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