"Beim Krimiautor ist das Böse in guten Händen", sagt der deutsche Komiker Loriot. Doch aus welcher Erzählperspektive der Autor dem Leser das Böse vor Augen führt, kann entscheidend zur Spannung beitragen.
Mord nach Vorlage
Mit "Rosen auf ihrem Körper und Sonnenblumen auf ihren Augen" wird in New York eine Frauenleiche entdeckt. Alles weist darauf hin, dass der Mörder bei seiner Tat so vorgegangen ist, wie es in einer der Geschichten des Krimiautors Richard Castle - dem "Meister des Makaberen" - beschrieben wurde. Detective Kate Beckett erkennt das sofort und fragt ihre erstaunten Mitarbeiter: "Lesen Sie keine Bücher?"
"Es gibt immer eine Story ..."
Die aus dem Pilotfilm der erfolgreichen TV-Krimiserie "Castle" stammende Eingangsszene führt den - von einer Schreibblockade geplagten Autor - mit der taffen Kommissarin zusammen, die er ab sofort begleiten darf; und die ihn zu neuen Geschichten um seine Heldin Nikki Heat inspiriert, der sie zunächst - ohne es zu wissen - als Vorlage dient. Überzeugt davon, dass "es immer eine Story gibt, man muss sie einfach nur finden", leistet der fantasievolle Autor, der sich erstaunlich gut in Menschen und ihre Handlungsweisen hineinversetzen kann, fortan Hilfe bei der Aufklärung von Morden.
Obwohl eigentlich eine fiktive Geschichte, finden sich bei Castles Pokerrunde die realen amerikanischen Krimiautoren Michael Connelly, James Patterson (bekannt durch seine mit Morgan Freeman verfilmten Alex-Cross-Romane) und der im September letzten Jahres verstorbene Stephen Cannell ein.
Das wirklich Außergewöhnliche an der Geschichte: die Romane des fiktiven Autors Richard Castle, der in der TV-Serie (dritte Staffel ist derzeit auf Kabel 1 zu sehen) von Nathan Fillion gespielt wird, gibt es tatsächlich zu kaufen, was die Figur Rick Castle für sein Fanpublikum authentisch macht. Bereits der erste Roman schaffte es an die Spitze der amerikanischen Krimi-Bestsellerlisten, der neueste Thriller "Naked Heat" erscheint in englischer Originalfassung im April.
Ein Polizeireporter auf heißer Spur
In dem spannenden Thriller "Sein letzter Auftrag", der im Februar in deutscher Übersetzung erschienen ist, erzählt Michael Connelly die Geschichte eines gekündigten Polizeireporters der Los Angeles Times, dem man noch zwei Wochen Zeit gibt, seine junge Nachfolgerin einzuarbeiten.
Den letzten Fall, auf den er somit angesetzt ist, möchte er zu "seiner ganz großen Story" machen. Dasselbe Ziel hat seine junge Mitarbeiterin, die sich auf diese Weise profilieren will. Ein jugendlicher Schwarzer ist in einem Mordfall unter Verdacht geraten; Polizeireporter Jack McEvoy glaubt zu wissen, dass er unschuldig ist und begibt sich auf die Spur des "wahren Täters". Bei dieser Aufklärungsjagd geraten die beiden - miteinander in hartem Konkurrenzkampf stehenden - Protagonisten durch das übereifrige Vorgehen der jungen Kollegin in eine lebensgefährliche Situation.
Täter ohne Reue
Mit dem Roman "Tagebuch eines Mörders", der im Februar erschienen ist, hat die großartige schwedische Erzählerin Kerstin Ekman einen literarisch sehr anspruchsvollen Kriminalroman geschrieben. Sie wählt eine ganz andere Erzählperspektive - schildert den Mord aus der Sicht des Täters.
In Tagebuchform lässt sie den mehr oder weniger mittellosen Arzt Revinge, der sich sein Geld mühsam vor allem in Bordellen verdient, wo er "abgetakelte Frauen in schmuddeliger Unterwäsche" untersucht, die Beweggründe zu dem Mord an seinem in Wohlstand lebenden Vorgesetzten Skade - einem "alten Fettwanst", von dem er sich angeekelt fühlt - erzählen.
Die Ich-Perspektive gibt spannende Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt, die Ichbezogenheit und die erschreckende Gleichgültigkeit gegenüber seinen Mitmenschen. Die Gefahr, dass man an mancher Stelle Verständnis für den Täter entwickelt, ist dennoch gegeben.
Lesetipps
Kerstin Ekman Tagebuch eines Mörders - erschienen im Piper Verlag
Michael Connelly Sein letzter Auftrag - erschienen bei Heyne
Donna Leon Auf Treu und Glauben - erscheint am 24. Mai 2011 bei Diogenes
Fred Vargas Die Tote im Pelzmantel (Graphic Novel) - erschienen im Aufbau Verlag
Richard Castle Naked Heat - erscheint am 26. April 2011 bei Hyperion
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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