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Projekt Stratos zeigte uns - Österreich

15.10.2012
Die unscharfe österreichische Perspektive von "die da oben".

 Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse Felix Baumgartners Rekordsprung auf Dauer bringen wird, ist noch unklar. (Außer, dass es einen Menschen bei 1.300 km/h nicht zerreißt.)

 Etwas hat das Überschall-Projekt Stratos allerdings sehr wohl untermauert: Der Österreicher per se tut sich mit Großem schwer. So wurde auch Projekt Stratos mit fragwürdiger Kritik überhäuft. In Social Media (Facebook, Twitter ...) spielt sich's ganz schön ab rund um Felix Baumgartner. Was dabei klar wird: Viele verstehen hierzulande den Unterschied nicht zwischen privat und Staat.

 Vielleicht liegt es an der über Generationen eingeimpften politischen Perspektive des "kleinen Mannes" beziehungsweise der des Opfers oder an einem Minderwertigkeitskomplex eines Volkes, das sich historisch als ehemalige Weltmacht betrachtet, oder einfach an genetisch bedingtem Neid – jedenfalls verschwimmt der Blick, sobald was Großes zu sehen ist. Das Objekt wird nur noch unscharf als "die da oben" wahrgenommen.

 

Privat und Staat

 Vorab: Man mag zu Red Bull Stratos stehen, wie man will. Aber es ist das Projekt eines Unternehmens, das eigene Mittel dazu aufwendet. Weil es den finanziellen Einsatz mit dem medialen Gegenwert sowie einem Bonus im Image- oder auch Wissenschaftsbereich gegenüberstellt und für gerechtfertigt hält.

 Weiters: Servus TV ist ein privater Sender (und, was immer noch nicht jeder wissen dürfte, gehört zu Red Bull). Was er zeigt, ist des Betreibers Kaffee und geht auf eigenes finanzielles Risiko. Der Zuschauer kann wegschalten, hat aber sonst kein Mitspracherecht bei der Programmgestaltung.

 Beim ORF ist das anders: Er wird aus (Zwangs-) Gebühren finanziert – weil er als öffentlich-rechtliches Unternehmen verspricht, z.B. einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Hier darf das Publikum (als Miteigentümer) motzen, wenn es diesen - etwa in einer Pilcher- und Skirennen-Flut - vernachlässigt sieht.

 ORF und Projekt Stratos: Ob ein Bundesliga-Match zwischen Mattersburg und Ried übertragungswürdiger ist als ein Rekordsprung eines Österreichers aus dem All – darüber lässt sich vielleicht mit viel gutem Willen diskutieren. Wenn sich der Programmverantwortliche überraschend für den Stratos-Jump entscheidet, ist wohl klar, dass die Präsenz des Betreiber-Logos mitübertragen wird. Das hat nichts mit "unbezahlter Werbung" zu tun. (Ja, solche Postings gibt es!)

 Wofür "die da oben" Geld ausgeben: Ob ein Staat Steuergelder in Milliardenhöhe dafür aufwenden muss, eine im politischen Sumpf korrumpierte Bank wie die Hypo Alpe Adria notzuverstaatlichen, darf und muss öffentlich diskutiert werden. Weil: Es ist unser Geld, vom Staat gemanagt.

 Ob ein Milliardär sein Geld dazu aufwendet, goldene Bentleys zu sammeln, Baumgartners aus dem All hupfen zu lassen oder wie Bill Gates den Großteil zu spenden – das ist nicht öffentlich zu diskutieren. Das hat er alleine vor sich zu rechtfertigen. Auf dem Weg zu den Milliarden haben diese Unternehmer schon eine Menge Arbeitsplätze geschaffen und Steuern gezahlt. Eine Investition in ein medienträchtiges Spektakel kann auch als Arbeitsplätze-sichernde Maßnahme betrachtet werden!

 Dazu ist bekannt, dass Red Bull (bzw. Dietrich Mateschitz) großzügig in gemeinnützige Bereiche investiert. (Stichwort: Wings for Life). Und dass ein multinational vernetzter Konzern einen Firmensitz in Fuschl betreibt und sich somit – zumindest zum Teil – in Österreich steuerpflichtig macht, grenzt ebenfalls an Charity.

 

Häme gegen Größe

 Schon die flächendeckende Häme (auch viel und gerne im ORF!), als Red Bull Salzburg aus der Championsleague-Quali gegen Düdelingen ausschied, hat gezeigt: In Österreich wird angefeindet, was nicht aus den gewohnten überschaubaren Bahnen stammt. Dabei ist es so wichtig, diese zu verlassen, um Außergewöhnliches zu schaffen.

 Wie sagte Felix Baumgartner vor seinem Sprung so schön? "Manchmal muss man ziemlich hoch hinauf, um zu sehen, wie klein wir eigentlich sind."

 

Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

 

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