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Aufruf zur Einmischung

01.03.2011
Das politische Buch ist auf der Seite der "Wutbürger".

"Wir leben mitten in einer Völkerwanderung, die wahrscheinlich die größte der Weltgeschichte werden wird, und machen uns keinen Begriff davon, was da vorgeht", schrieb der österreichisch-amerikanische Biochemiker Erwin Chargaff bereits Anfang der 90er-Jahre in seiner Streitschrift "Armes Amerika, arme Welt".

Der 1935 nach "Amerika, das primäre Einwanderungsland der Völker" emigrierte Wissenschaftler und Schriftsteller, der sich als Pionier auf dem Gebiet der DNA-Forschung weltweit einen Namen gemacht hat, kritisiert darin, dass "Immigration und Emigration" mittlerweile "auf der ganzen Welt, besonders in Europa, mit feindseligen Augen" angesehen werden; und erinnert an "eine Zeit, in der 'der andere' eher als kurios denn als hassenswert erschien".


"Ich kenne kein Land, in dem man so einsam ist wie in Amerika"

Der zunehmenden "Amerikanisierung der ganzen Erde", die seiner Meinung nach "soweit fortgeschritten ist, dass es schwerfällt irgendwo Kontraste zu erblicken", steht er in seinen Essays ebenso skeptisch gegenüber wie "dem blind und schrankenlos gewordenem Kapitalismus", der längst der ganzen Welt seine "Jeans und Sweatshirts" angezogen hat.

Erwin Chargaffs Zukunftsprognosen lesen sich nicht unbedingt ermutigend, sind aber auch nicht einfach von der Hand zu weisen. Ausgehend von seiner Sicht auf Amerika - einem Land mit 20 Millionen registrierten Analphabeten - in dem er mehr als sechzig Jahre seines Lebens verbracht hat, wird der positive Blick auf die sogenannte Massendemokratie getrübt, in der die Macht angeblich vom Volk ausgeht; es in Wahrheit aber für den Einzelnen ohnehin "immer schwieriger wird", die wahren Machtausübenden - die sich verborgen im Hintergrund halten, aber an allen wichtigen Stellen in Konzernen, Medien und Banken mit Geld und Einfluss "Meinung machen" und ihre eigenen Interessen betreiben - zu erkennen.

Für den, mit seinen Problemen zunehmend alleingelassenen Bürger, der längst das Vertrauen in die Politik und ihre Vertreter verloren hat - die ihn wiederum als gedankenlosen Konsumenten ansehen - hat Chagaff daher den Rat bereit, sich selber "aus dem Dreck heraufzuziehen": "Lass dich nicht blöd machen!"


Brüchige Welten

"Empört euch!" lautet auch der Titel einer aktuellen Streitschrift, die in Frankreich zum Buch der Hoffnung und in kürzester Zeit auch zum Bestseller wurde. Verfasst hat sie der 1917 geborene französische Autor Stéphane Hessel, der sich einst in der Résistance-Bewegung engagierte und sich als glühender Verfechter jener Verfassung versteht, die nach dem Zweiten Weltkrieg festgeschrieben wurde. Hessels 20-seitiges Büchlein ist seit Anfang Februar auch in deutscher Übersetzung erhältlich.

Sein Appell gilt der Jugend des Landes. Empörung, betont er, sei die Grundlage jedes Widerstandes und somit die Chance, die Lebenssituation für Millionen Menschen zu verbessern. Er ruft die Leser zum gewaltlosen Widerstand auf, denn: Nie sei die Anmaßung des Geldes "so groß, so anmaßend, so egoistisch" gewesen wie heute; mit Lobbyisten "bis in die höchsten Ränge des Staates" und "unersättlichen Bonibankern und Gewinnmaximierern in den wieder privatisierten Geldinstituten, die sich keinen Deut ums Gemeinwohl scheren".

"Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können", schreibt Hessel, der zu den Werten, die es zu verteidigen gilt, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und die Erhaltung der Natur ebenso zählt wie die Überwindung kultureller Barrieren, wobei er vor allem die muslimische Welt im Auge hat. Denn solange Menschen sich für die Verbesserung der Welt einsetzen, gebe es – so Hessel - auch Grund zur Hoffnung.


"Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit"

Gefordert sind aus seiner Sicht vor allem "die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Geistesleben und die ganze Gesellschaft", die sich nicht länger "von der Diktatur der internationalen Finanzmärkte beeindrucken lassen" dürfen; diese bedrohen "Frieden und Demokratie". Sein Aufruf an all jene Männer und Frauen, die dieses Jahrhundert mitgestalten werden, lautet: "Neues schaffen heißt Wiederstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen."

Damit stellt sich Hessel auch gegen all jene Intellektuellen in seiner Heimat, die sich zu allem äußern, aber sich im Grunde für nichts engagieren.


Wut im Bauch

Erst 2010 hat die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff "Wutbürger" zum Wort des Jahres erhoben. Dieser war und ist es, der sich in den vergangenen zwei Jahren in Island, Frankreich, Griechenland und anderswo auf den Straßen europäischer Städte hat blicken lassen, um eben seine Wut und seine Enttäuschung über Finanz- und Wirtschaftskrisen, Bildungs- und Rentenreformen bzw. Umweltfragen - ohne Gewaltanwendung - öffentlich zu zeigen.


Was der Einzelne tun kann

Mit dem Satz: "Dies ist ein Aufruf zur Revolution" stimmt Prinz Charles, Öko-Unternehmer und britischer Thronfolger, den Leser auf sein umfassendes, engagiertes und reich bebildertes Werk "Harmonie" ein, das im November 2010 auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Darin fordert er jeden einzelnen zum Umdenken auf der ganzen Linie auf.

Der für sein ökologisches Interesse bekannte, königliche Umweltschützer, der nicht nur in der Umweltpolitik, sondern auch im Sozial-, Finanz- und Wirtschaftsbereich eine "Krise des Denkens" ortet, thematisiert in diesem Buch seine Anliegen zu Umwelt und Klimaschutz in Verbindung mit erstaunlich konkreten Konzepten, ruft zur radikalen Umkehr auf, bietet aber auch überzeugende Lösungen an; dabei beschäftigen ihn auch die zunehmende Armut bzw. die Folgen der Verstädterung und damit verbundenen Slum-Bildung; weiters bezieht der Brite Stellung zu Massentierhaltung und anderen Fehlentwicklungen quer durch alle Bereiche. Sein überzeugter Glaube an das Veränderbare gibt auch dem Leser Hoffnung:

"So wie die Menschen die Macht hatten, die Welt an den Abgrund zu führen, haben wir auch die Macht, sie ins Gleichgewicht zu bringen."

Früher habe man ihn für sein immerhin mittlerweile 40-jähriges Öko-Engagement ausgelacht, sagt der Historiker und Autor Robert Lacey - jetzt sei Charles "plötzlich ein Teil des Mainstream".


Lesetipps

Stéphane Hessel Empört euch! - erschienen bei Ullstein

Erwin Chargaff Armes Amerika, arme Welt - erschienen im Klett Cotta Verlag

Charles, The Prince of Wales Harmonie - erschienen im Riemann Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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