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Literaten und ihr Café

15.02.2011
Manch großes Werk entstand bei einer kleinen Tasse Kaffee.

Schon früh wurden Kaffeehäuser zu kulturellen Institutionen einer Stadt, waren Schmelztiegel von Kulturen und Sprachen, Treffpunkt und Orte der Inspiration für Künstler, Dichter und Denker. Viele dieser traditionellen Cafés, wie es sie in Wien und anderswo noch gibt, schmücken sich bis heute mit den großen Namen jener Berühmtheiten, die einst zum Stammpublikum des Hauses gehörten. Doch anders als die Salons der Romantik stand das Café seit jeher Menschen aller Klassen offen und wurde von seinen Besuchern auch wegen des meist umfangreichen Angebots an Zeitungen für manch geruhsame Lesestunde genutzt.


Die Wiener Kaffeehausliteraten

Einer der berühmtesten und bedeutendsten Kaffeehausliteraten war der österreichische Dichter Joseph Roth, der 1923 seinen journalistischen Durchbruch als Redakteur des Feuilletons bei der Frankfurter Zeitung schaffte und darüber hinaus in den Nachmittags- und Abendstunden in Berliner und Wiener Cafés an seinen Romanen schrieb.

In der Anthologie "Das Wiener Kaffeehaus" finden sich zahlreiche Geschichten berühmter "Kaffeehausliteraten", zu denen neben anderen auch die Dichter Stefan Zweig, Karl Kraus, Alfred Polgar und der Maler Oskar Kokoschka gehörten, über ihr Stammcafé; ihr "zweites Zuhause", in das sie sich zum Schreiben und Entspannen zurückziehen konnten, in dem sie aber auch den intellektuellen Austausch mit anderen suchten und fanden.

In seinem erfolgreichen Roman "Das Hotel New Hampshire" verlagert der amerikanische Schriftsteller John Irving, der selbst als Student einige Zeit in Wien verbrachte, die so großartig erzählte Familiengeschichte der Berrys kurzzeitig in das Wien der 50er-Jahre, in dem "Kaffeehäuser für die Schlaflosen und Träumer" da waren, in denen man – wie Frank und Franny bald feststellen - auch noch was ganz anderes tun konnte, als "nur Kaffee zu trinken", nämlich: "Hausaufgaben machen, mit Nutten plaudern, Darts und Billard spielen" und natürlich "Pläne schmieden".


Für immer verloren ...

In ihrem Roman "Das Traumcafé einer Pragerin" trauert die Schriftstellerin Lenka Reinerova (1916-2008) diesen zentraleuropäischem "Zufluchtswinkel ferner Jahre" nach und fragt sich, wohin denn die Kaffeehäuser ihrer Stadt verschwunden sind.

"Wenn sich irgendetwas verknotet in meinem Leben, dann stell ich mir ein Kaffeehaus vor mit meinen Weggefährten von damals." Schreibt sie und lässt in ihrem "Traumcafé" die verloren gegangene Welt wieder auferstehen, ruft sich Begegnungen mit ihren Zeitgenossen Max Brod, Egon Kisch und Anna Seghers in Erinnerung, versammelt um den Kaffeehaustisch aber auch Dichter wie Kafka, Rilke und Werfel, denen sie irgendwann einmal gerne begegnet wäre.


Komfort zum kleinen Preis ...

"Es ist kein Klischee, dass Literaten einen halben Tag diskutierend bei nur einer Tasse Kaffee zubrachten", sagt die Schriftstellerin, die sich selbst vor allem als Erzählerin gesehen hat. Und auch Ernest Hemingway erinnert sich in seinem tagebuchähnlichen Erzählband "Paris – ein Fest fürs Leben" gerne an den behaglichen Komfort, den ein beheiztes Café einem Dichter wie ihm an kalten Tagen im Paris der 20er-Jahre zu bieten hatte: "Ich konnte immer in ein Café gehen und schreiben und den ganzen Vormittag bei einem café creme arbeiten, während die Kellner das Café säuberten und ausfegten und es nach und nach wärmer wurde ..."

Wie einst Oscar Wilde, Djuna Barnes und Picasso zählt auch er zu den Stammgästen des berühmten Café Les Deux Magots, während sich ein paar Schritte weiter, im legendären Café de Flore zu ihrer Zeit beinahe täglich Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir einfanden, um an ihren Werken zu arbeiten.

Denn auch in Paris konnte man bereits seit 1686 das heiße schwarze Getränk, das unter Ludwig XIV. dort groß in Mode gekommen war, im allerersten Café der Stadt genießen, das ebenfalls von Beginn an zum Dreh- und Angelpunkt der Philosophen und Dichter wurde. Das geschichtsträchtige Café Procope existiert übrigens heute noch.


Cafés heute ...

Das traditionelle Kaffeehaus von einst mag sich verändert haben, Cafés erfreuen sich aber nach wie vor nicht nur bei Dichtern großer Beliebtheit. Es kommt sogar heute noch vor, dass an einem der kleinen Tische ganz Großes entsteht. Von der britischen Autorin Joanne K. Rowling ist jedenfalls bekannt, dass sie ihre erste Harry Potter–Geschichte als Sozialhilfeempfängerin, die sie damals war, in den Cafés in und um Edinburgh geschrieben hat, in denen sie sich aus denselben Gründen aufgehalten hatte, wie einst Hemingway in Paris. Es war warm dort, und man konnte bei einer einzigen Tasse Kaffee sehr lange Zeit verweilen - und schreiben.


Buchtipps

Kurt Jürgen Heering Das Wiener Kaffeehaus - erschienen bei Insel Taschenbuch

John Irving Das Hotel New Hampshire - erschienen im Diogenes Verlag

Marsha Mehran Das persische Café – erschienen im Banvalet Taschenbuch Verlag

Carson McCullers Die Ballade vom traurigen Café – erschienen im Diogenes Verlag

Wilhelm von Sternburg Joseph Roth. Eine Biographie - erschienen im Verlag Kiepenheuer & Wietsch

Ernest Hemingway Paris - ein Fest fürs Leben - erschienen bei rororo

Lenka Reinerova Das Traumcafé einer Pragerin - erschienen im Aufbau Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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