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Nicht "nur ein Wort": die Liebe im Roman

08.02.2011
Der lange Weg zum Happy-End.

Wirft man einen Blick auf die Bestenliste der "100 Bücher des Jahrhunderts" und sucht nach Liebesromanen, die es in dieses Ranking geschafft haben, ist die Ausbeute nicht besonders groß; was auch daran liegen könnte, dass es Werke dieses Genres schon immer schwer hatten, den Sprung vom anspruchsvollen Unterhaltungsroman in die Abteilung "literarische Meisterwerke" zu schaffen.


E-Mail an dich ...

Doch Liebesromane sind nach wie vor en vogue und thematisieren heute neben der "Vereinzelung" des Menschen, die sich unter anderem in einem nicht immer freiwillig gewählten Single-Dasein ausdrückt, auch die vielfachen Möglichkeiten der modernen Kommunikation, durch die zunächst nur virtuelle Distanzen überwunden werden müssen, ehe man sich physisch näher kommt.

Das entspricht durchaus dem Zeitgeist, der mittlerweile auch in den modernen Liebesroman Einzug gehalten hat, wie Daniel Glattauers erfolgreiche E-Mail-Romane "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" beweisen, in denen sich ein versehentlicher E-Mail-Kontakt zwischen zwei Menschen zu einer faszinierenden Beziehungsgeschichte entwickelt.


Der Auserwählte ...

Mit dem unglaublich spannenden Bestseller-Roman "Match" – erst kürzlich in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Die Auswahl" erschienen – geht die britische Autorin Ally Condie noch ein paar Schritte weiter und entführt den Leser in die Welt der Zukunft, die - von Systemen geregelt - dem Menschen alles und somit auch die Partnerwahl abnimmt.

Was zunächst als heile Welt empfunden wird, in der Unterkunft, Arbeit, Friede, Freizeit und Nahrungsversorgung gesichert sind und ein scheinbar sorgloses Leben garantieren, hat jedoch - wie an jedem noch so kleinem Regelverstoß sichtbar wird - seinen Preis.

Wie schafft man es also, in einem bis ins Kleinste kontrolliertem System persönliche Entscheidungen zu treffen oder gar der Stimme seines Herzens zu folgen, wenn das so nicht vorgesehen ist?


Reiz des Verbotenen ...

Die siebzehnjährige Cassia Reyes steht in der ihr bislang so perfekt organisiert erscheinenden Welt – eine andere hat sie nie kennengelernt – vor ihrer "Paarung", bei der ihr und anderen Gleichaltrigen im Rahmen eines Festbanketts eröffnet wird, welchen Lebenspartner ihnen das Datensystem zugeordnet hat. Ausgerechnet bei ihr aber versagt das System und zeigt eine Störung an. Schließlich wird ihr – anders als allen andern – ihr Jugendfreund zugeteilt, den sie von Kind an kennt. Der dazugehörige Micro-Chip, den sie wie alle andern erhält und auf dem eigentlich Hintergrundinformationen über ihren Partner gespeichert sein sollten, gehört jedoch – wie sich zu ihrer Überraschung herausstellt - zu einer ganz anderen Person.

Entgegen allen Verboten und Vorschriften versucht Cassia daraufhin alle Möglichkeiten zu nutzen, diesen "anderen" näher kennenzulernen, auch weil sie sich absolut nicht erklären kann, warum das System bei ihr versagt hat und ausgerechnet auf ihn gekommen ist, der eigentlich als Aberration gilt.

Aberrationen werden vom System nämlich deklassiert, sind vom Paarungsritual ausgeschlossen und bekommen nur niedere Arbeiten zugewiesen. Da sie nun offiziell bereits einem Partner zugeteilt ist, scheint es zunächst nicht aufzufallen, dass sie in der Sache ihre eigenen Wege geht. Mit jedem Schritt auf diesem Weg regt sich in ihr auch verstärkt innerer Widerstand gegen diese absolute Überwachung, in der es Funktionären erlaubt ist, in die intimsten Winkel ihres Lebens vorzudringen, zumal sich zwischen ihr und dem vom System gebrandmarkten Außenseiter Ky starke Gefühle entwickeln, Cassia mehr und mehr Einblick in sein Leben gewinnt und an seiner schwierigen Situation zu leiden beginnt.


Verhängnisvolle Entscheidung

So lässt sie sich eines Tages bei einem Auftrag in ihrer Funktion als Datenverarbeiterin zur Manipulation verleiten, um - wie sie hofft - seine Situation zu verbessern. Ein großer Fehler, wie sie bald darauf erkennen muss, denn mit dieser "Auswahl", die sie zu treffen hat und in die sie ihn mit bester Absicht mit einbezieht, bestimmt sie auch über sein Schicksal, was dramatische Ereignisse zur Folge hat, die auch für sie und ihre Familie alles auf einen Schlag verändert.

"Wir tragen keine Ketten. Wir können nirgendwohin." Mit diesen Worten beschreibt die Ich-Erzählerin Cassia ihre verzweifelte Situation, die ihr erst zu diesem Zeitpunkt wirklich bewusst wird. "Sie schlagen und verletzen uns nicht. Sie wollen uns einfach nur müde machen. Und ich bin müde."


Der Kampf geht weiter

Diese, in einer futuristischen Welt angesiedelte, unglaublich fesselnde Geschichte versteht es, den Leser – egal welchen Alters - in ihren Bann zu ziehen und zeigt eine nur scheinbar zum Wohl der Menschheit erschaffene Diktatur, die mit Hilfe eines perfekt funktionierenden Datensystems und williger Funktionäre längst die totale Kontrolle über den Einzelnen übernommen hat. Doch jedes System hat seine Lücken, wie Cassia schließlich doch noch zu erkennen glaubt, was ihr letztendlich noch einmal den Mut und die Kraft gibt, weiterzukämpfen.

Was der Leser wissen sollte: dass es sich hier um den ersten einer voraussichtlich mehrbändigen Romanreihe handelt, und die Geschichte demnächst weitergeht.



Lesetipps

Ally Condie Die Auswahl - erschienen im FJB Verlag

Erich Fromm Die Kunst des Liebens - erschienen bei Ullstein Tb

Daniel Glattauer Gut gegen Nordwind - erschienen im Goldmann Verlag

Daniel Glattauer Alle sieben Wellen - erschienen im Zsolnay Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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