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Applaus für Grasser!

28.01.2011
Die strafrechtliche Prüfung seiner Vergangenheit überschattet ganz eine wahre Top-Performance des Ex-Finanzministers.

Ein Finanzminister, der seine steuerlichen Angelegenheiten selbst ein klein wenig aus den Augen verliert. Das ist in Österreich nichts Neues (Fall Androsch). Wie Karl-Heinz Grasser allerdings mit der ganzen Causa umgeht, ist eine noch nie dagewesene Performance: Das Lächeln strahlt, die Frisur sitzt, die Laune ungetrübt, die Aussagen ohne jeden Anflug von Unsicherheit.

Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen: 1. pathologische Hybris, 2. pathologische Realitätsverweigerung oder 3. grandiose Chuzpe. (Variante 4.: tatsächliche Supersauberkeit fällt dank Selbstanzeige weg.) Und da wir bei KHG natürlich nicht nur unschulds-, sondern auch gesundheitsvermuten, bleibt übrig: Punkt 3.

Der Mann tanzt - in bzw. als Begleitung seiner ebenfalls strahlenden Ehefrau - von Kirtag zu Kirtag zwischen Kitzbühel und Wien, während Beamte an seinem Akt kiefeln. Die Begründung des Paares für die ungenierten Auftritte als rotes Tuch vieler Bürger auf jedem roten Teppich: Man wolle klar signalisieren, dass es absolut keinen Grund gebe, sich zu verstecken.

Hier darf nachgehakt werden: Wenn jemand als Finanzminister offenbar erhebliche Lücken in der Kenntnis des Steuersystems hatte (KHG gegenüber dem ORF-Radio: "Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass ich da etwas versteuern musste.") und noch dazu persönlich gegen die ihm lückenhaft bekannten Regeln verstoßen hat – ist das wirklich kein Grund, sich zu verstecken? Würde nicht jeder Mensch mit einem auch nur halbwegs funktionalen Gewissen im Boden versinken und sich voller Scham ins letzte Winkerl verkriechen? Nicht so das Chuzpe-Schwergewicht: Mit ungebremsten Schwung parliert er von einem blöden Fehler, um in der Tonalität sofort zu vermitteln, dass der schon wieder gut gemacht und daher gefälligst zu verzeihen sei.

Schön auch Grassers Brief an die Justizministerin: "Meine Reputation und mein Ansehen in der Öffentlichkeit schwerstens beschädigt...". Reputation! Ansehen! Diese Wortwahl muss man sich in der Situation erst einmal trauen. Und es wäre nicht the one and only KHG, würde er nicht noch eins draufsetzen: Nachdem nämlich Claudia Bandion-Ortner sich von dem Schreiben wenig beeindruckt gezeigt hat, tönt er, sich rechtliche Schritte vorzubehalten. Er! Sich! Großes Chuzpe-Kino.

Die strafrechtliche Relevanz von Grassers Spompanadeln ist noch zu klären. Schon jetzt steht aber fest, dass sein Posing einmalig ist. Seine Show wird weitergehen und uns noch viel Freude bereiten: Ein Opernball-Besuch mit Fußfessel? Eine beim Villacher Fasching vorgelesene Selbstanzeige? Ein Nackt-Fotoshooting in den Büros der Staatsanwaltschaft? Auch wenn nicht - der Titel "King of Chuzpe" ist KHG, dem Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens am Bande für Verdienste um die Republik Österreich, nicht mehr zu nehmen.


Der Autor: Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at


sascha.bem[at]relevant.at

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