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Große Lücken im Starterfeld

06.07.2012
Auf den Stimmzetteln für die Nationalratswahlen 2013 ist noch sehr viel Platz.

Etablierte Parteien Österreichs sind seit Monaten mehr damit beschäftigt, politische Funktionäre außerhalb von Strafvollzugsanstalten zu halten als sie auf Stimmzettel zu bekommen. Der Korruptionsausschuss hat noch einiges vor sich; parallel dazu scheint ein Uwe Scheuch (BZÖ) nur deswegen nicht in den Knast zu wandern, weil es in der "Part-of-the-Game"-Affäre zu keinem Geldfluss gekommen ist. (Urteil nicht rechtskräftig.)

Der mündige Bürger tut sich schwer, einem Politiker seine Stimme zu geben, denn schon das Handgeben könnte in den Dunstkreis des Kriminals führen. Von einem überzeugten Urnengang sind so viele so unendlich weit entfernt – der Begriff "Politverdrossenheit" ist dafür ein Euphemismus.

Nun ermutigen Meinungsforscher nicht erst seit gestern politisch Motivierte: Bis zu 20 Prozent seien vakant und könnten von neuen Gruppierungen besetzt werden. Etwa bei der Nationalratswahl (spätestens 2013).

Frank Stronach. Der Mann hätte frischen Wind bringen können: mit als Unternehmer bewiesener Wirtschaftskompetenz, dafür ohne den gelernten österreichischen Klientelismus-Schwitzkasten. Oder eine paneuropäische Vision aus der erhabenen Perspektive eines Weltenbürgers.

Da war aber wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Denn was tut er? Für eine Rückkehr zum Schilling argumentieren. Mit einer populistischen und in ihrer Plumpheit wenig überzeugenden Europakritik ("ESM steht für Europäische Schulden-Macherei") könnte er am ehesten bei der FPÖ-Klientel wildern. Die Konkurrenz eines gelernten Zahntechnikers mit schmissgesichtigem Umfeld ist ein Armutszeugnis für den weitgereisten Selfmade-Milliardär.

Die Piraten. Das gefühlte Programm der in Deutschland erfolgreichen Neulinge lautet bisher "Internet und so". Im relevant-Interview gibt Stephan Raab von der Piratenpartei selbst Lücken zu: "Eine offizielle Meinung der PPÖ gibt es zum Euro-Rettungsschirm nicht." Schade eigentlich!

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Neue Gesichter braucht das Land. Da ist jeder mit - noch dazu im Gegensatz zu den bestehenden Parteien selbst finanziertem - Engagement höchst willkommen. Auch Herr Stronach mit seinem schaurig-schönen ZiB-Auftritt oder die Piraten mit ihrem erfrischenden Mangel an Routine. Aber: Das kann’s noch nicht gewesen sein. Irgendwo im Hintergrund wird sicher an Parteiprogrammen gefeilt, die vor Kompetenz, ökonomischem und sozialem Weitblick, großer Menschlichkeit sowie Mut strotzen.

Ich darf mich in den Urlaub verabschieden und bin mir ganz sicher: In ein paar Wochen ist alles ganz anders. Oder?


Ihnen schöne sommerliche Tage!

Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

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