Des Risikos, mit seinem Börsengang über kurz oder lang Schiffbruch zu erleiden, ist sich auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bewusst. Dennoch sind er und seine rund 3.200 Mitstreiter der Versuchung erlegen und haben am 1. Februar die formalen Schritte bei der Börsenaufsicht SEC für einen Gang an die Wall Street eingeleitet.
Der Börsengang soll am Freitag erfolgen. Rund 16 Milliarden Dollar verspricht sich das erst acht Jahre alte Unternehmen vom Verkauf seiner Firmenanteile.
Erfolgsgeschichte Facebook
Mit geschätzten 850 Millionen aktiven Nutzern spielt Zuckerbergs Netzwerk unbestritten in der höchsten Liga. Im Vergleich zum Vorjahr konnte das Unternehmen allein 2011 seinen Umsatz um 88 Prozent steigern.
"Facebook hat laut Prospekt im Moment 483 Millionen 'aktive Nutzer pro Tag', die Zahl der täglichen 'Gefällt mir'-Klicks und Kommentare beträgt 2,7 Milliarden", vervollständigt Marc Pitzke von Der Spiegel die Geschichte eines Erfolgs. Durch einen Börsengang könnte der Firmenwert von Facebook sprunghaft auf geschätzte 70 bis 100 Milliarden Dollar steigen.
Musik in den Ohren jener Aktionäre, die hoffen, durch Facebook auf einen lukrativen Schnitt zu kommen. Hier jedoch dämpfen Branchenkenner die Erwartungen. Denn die Aktien, die jetzt zum Verkauf stehen, bringen Interessierten nur ein Stimmrecht ein. Zuckerberg dagegen hält zwar "nur" 28 Prozent der Firmenanteile, kommt allerdings auf 57 Prozent der Stimmrechte; weil er über Aktien mit höheren verfügt, aber auch, weil ihm andere Teilhaber ihre Stimmrechte übertragen haben.
Die Milliarden-Dollar-Party
Hinzu kommt, dass das Gerangel um die Filetstücke schon vor Monaten begonnen hat: Goldman Sachs und der russische Investor Digital Sky Technologies etwa haben in Summe 500 Millionen Dollar auf den Tisch gelegt, um sich gerade einmal einen Prozent an dem Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Palo Alto zu sichern. Allein dadurch stieg der Firmenwert von Facebook rechnerisch über Nacht um 20 Prozent auf 50 Milliarden Dollar.
Ob die Investmentbank und alle übrigen zahlungskräftigen Interessenten Facebook die Stange halten, ist nach Einschätzung von Karsten Polke-Majewski von Die Zeit allerdings fraglich: "Es könnte sogar sein, dass diejenigen, die im vergangenen Jahr vorab kauften, nun schon bald wieder aussteigen werden, um ihren Gewinn einzustreichen."
Firmenbücher unter Verschluss
In der Zwischenzeit machte Zuckerberg noch von dem Vorrecht aller nicht an der Börse notierten Unternehmen Gebrauch: Er hielt die Firmenbücher weitestgehend unter Verschluss. Was aber auch bedeutet: Die meisten Jubelmeldungen über Facebook beruhen auf Schätzungen. Gerade das heizt in den USA die Spekulationen an, dass sich schlussendlich auch dieses Unternehmen als Börsen-Flop erweisen könnte.
Die Zweifel der Wirtschaftsredaktion der New York Times formuliert stellvertretend William D. Cohen: "Wer wird bei dem Ganzen der Verlierer sein? Der durchschnittliche Anleger natürlich, der mit leeren Taschen zurückbleibt, sollte eines Tages die New Yorker Börse doch zu der Erkenntnis kommen, dass die Wirtschaftsdaten des Unternehmens nicht mit seinem übersteigerten Firmenwert übereinstimmen."
In den USA gilt: Ab 499 Investoren kann auch ein nicht-börsennotiertes Unternehmen von der US-Börsenaufsicht SEC gezwungen werden, seine Firmenbücher offenzulegen. Mit einem gewieften legalen Kunstgriff umgingen Zuckerman und Goldman bislang diese Regel: Goldman Sachs bündelt alle seine Kunden, die in Facebook investieren, in einem "Sonderfonds" und kann damit offiziell als einzelner Investor auftreten.
Francine McKeena von Forbes stellt es bei dieser Vorstellung die Haare auf: "Wenn Goldman auf legale Weise – die herrschenden Börsenregeln umgehend – als einziger offizieller Investor auftritt, was gehört dann am Ende wohl Ihnen als Anleger, wenn Sie zwei oder mehr Millionen Dollar reingepumpt haben?"
Karsten Polke-Majewski (Die Zeit) ist sich daher auch sicher: "Die Hoffnung, Facebook könne unter diesen Bedingungen (gemeint ist die Notierung an der Börse, Anm.) professioneller, innovativer, auch transparenter werden, weil es nun regelmäßig Rechenschaft über seine Arbeit ablegen muss, wird sich deshalb wohl nicht bewahrheiten."
Einen taktischen Fehler will sich Facebook offenbar nicht erlauben und hat deshalb auch firmenintern Vorkehrungen getroffen, wissen Jean Eaglesham und Aaron Luchetti vom Wall Street Journal zu berichten: "Angestellten ist es nicht erlaubt, ihre Firmenanteile zu verkaufen, und Mitarbeiter, die nach 2007 angestellt wurden, erhalten nur beschränkt Firmenanteile, die überhaupt erst ab einem Börsengang von Facebook von Wert sind."
Für Kristin Schmidt von der WirtschaftsWoche ein typisches Beispiel, wie sich die Lage von aufstrebenden Firmen in den letzten Jahren gewandelt hat: "Heute braucht ein Startup im Schnitt acht Jahre für einen Börsengang, erst dann können die meisten Mitarbeiter Kasse machen."
Angst vor der Blase
Die Angst vor Börsenverlusten ist aufgrund der Entwicklungen in den vergangenen zehn Jahren jedenfalls nicht unberechtigt, wie Christoph Fröhlich und Martin Hintze vom Magazin stern zu bedenken geben: "2011 wagten 19 Internetfirmen den Schritt auf das Börsenparkett und sammelten so insgesamt 6,6 Milliarden Dollar von Investoren ein - so viel wie seit dem Platzen der Dotcom-Blase vor zehn Jahren nicht mehr."
Erfolgsgeschichten gibt es dabei nur wenige, erinnert Karsten Seibel von Die Welt: "Apple, Microsoft und Google sind die drei Unternehmen, bei denen die Börsengeschichte zuletzt mehr oder weniger aufgegangen ist. (...) Doch die Reihe der Namen all jener, die scheiterten, ist wesentlich länger."
MySpace, Yahoo, aber vor allem AOL sind nur einige wenige Beispiele, wobei vor allem letzteres denkwürdig ist. Denn, so die Autoren Christoph Fröhlich und Martin Hintze (stern): "Der einst führende Anbieter von Webzugängen und E-Mail-Diensten ist seit Jahren ein Sanierungsfall und musste Tausende Arbeitsplätze streichen."
Facebooks Sorgen
Die Fallhöhe von Facebook ist freilich hoch, entsprechend die Herausforderungen, die das Unternehmen aus Anlass des Börsengangs offenbar stärker denn je beschäftigen. Stichwort: Werbung. Shira Ovide vom Wall Street Journal kennt das Problem: "Relativ wenige User klicken auf die Facebook-Inserate, woran jedoch die Anzeigenkunden immer noch die Wirkung von Online-Werbung messen."
Hinzu kommt, weiß die APA: "Überdies fürchtet Facebook, dass die Nutzer verstärkt über ihre Smartphones mit ihren Freunden in Kontakt treten - das mobile Facebook aber ist (noch) frei von Werbung."
Gleichzeitig sieht sich das Unternehmen wachsender Konkurrenz gegenüber, aber auch Zensurversuchen in manchen Staaten. Wobei China als Markt noch nicht erschlossen ist. Die Chancen, hier noch nachzulegen, stehen für Facebook gut, gelang es dem Unternehmen 2010 immerhin erstmals, die Suchmaschine Google nach Zugriffen zu überholen.
Facebook = Internet?
Weiters bastelt Facebook daran, seine Service-Angebote soweit auszubauen, dass es andere Einstiegsseiten ins Internet im Grunde nicht mehr benötigt. Rolf Benders und seine Kollegen vom Handelsblatt denken die Folgen dieser Monopolisierung bereits weiter: "Der größte Teil des Online-Werbemarkts und der Aufmerksamkeit würde dann an Facebook gehen." Mit dem bezeichnenden Nachsatz: "An das neue Google." Noch weiter geht Marc Pitzke (Der Spiegel): "Das neue Internet."
Die Konkurrenz von Facebook hat unter dem Eindruck der jüngsten Entwicklungen ohnehin bereits kapituliert, bemerkt Christoph Kapalschinski vom Handelsblatt trocken: "Myspace ist abgemeldet, StudiVZ zieht sich in die Nische zurück."
Überholt Facebook Google?
Das lässt letztlich die Anleger hoffen. Denn Google - seit 2004 an der Börse - erwies sich als unerwarteter Erfolg. Enthusiasten halten es daher für möglich, dass auch hier Facebook Google noch einmal hinter sich lassen wird. Deutlich zurückhaltender bewertet hingegen die Redaktion der Financial Times Deutschland die Zukunft von Facebook: "Facebook muss den Spagat hinbekommen, ein Großkonzern zu werden und zugleich innovativ zu bleiben."
Zuckerberg hatte jedenfalls genügend Zeit, sich auf den Börsengang vorzubereiten und dabei zu beobachten, wie der Wert seines Unternehmens von anderen weiter hochgetrieben wurde. Entsprechend skeptisch zeigen sich laut APA daher Branchenkenner wie Max Wolff von GreenCrest Capital: "Das ist mehr ein Spektakel, ein Medienereignis und ein kulturhistorischer Augenblick."
Ute Rossbacher

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