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Europa oder nicht Europa

15.06.2012
Was ist der Unterschied zwischen einer Gemeinschaftswährung und einem Fußballstadion? Bei Letzterem ist "wir" gegen "die" lustig.

Im relevant-Interview formuliert Politologe Peter Filzmaier eine Chance: Wenn die EU die Finanzkrise meistern sollte, so gehe sie "sehr gestärkt" daraus hervor. Die Krise sei eine "Kommunikationschance".

Bevor die Märkte (wir) oder die Politik (von uns gewählt) sich dazu entschließen, den Euro fallen zu lassen oder ihn zu retten, müssen WIR eine Meinung haben. Nämlich: Wollen wir eine Union sein oder nicht? Hier wäre eine kommunikative Chance, die die EU nützen und für sich Stimmung machen könnte.

In der abgelaufenen Woche schloss Maria Fekter öffentlich nicht aus, dass Italien Hilfsunterstützung benötigen könnte (und musste dann nach herber Kritik von Ministerpräsident Mario Monti zurückrudern). Fekter ist aber noch eine Gallionsfigur der Diplomatie und der nuancierten Töne im Vergleich zu HC Strache, der "schwachmatische Staaten" aus der Währungsunion treten möchte und von einem "Staatsstreich" fantasiert, wenn es um den Gesetzesvorschlag zum Europäischen Stabilitätsmechanismus geht.

Wer kann es dann dem österreichischen Europäer verübeln, dass er sich, bombardiert von Gift und Galle, nicht wahnsinnig wohlfühlt in seiner EU? Die Politiker tun es ganz offensichtlich selbst nicht.

Eine namhafte Insiderin weiß aus Erfahrungen in großer Runde zu berichten, dass auf Ebene der europäischen Zentralbanken das Gemeinschaftsgefühl um kein bisschen ausgeprägter ist. Im Gegenteil: Auch hier wird "wir" gegen "die" gespielt.

Dass die Euro-Hilfsmaßnahmen bisher wie eine Reihe von erfolglosen Schüssen ins Blaue daherkommen, stärkt natürlich das Image des Projektes EU nicht gerade. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass es für eine Union in dieser Form keine Erfahrungswerte gibt. "Trial und Error" ist wohl die einzige Möglichkeit, mit den Herausforderungen umzugehen.

Transferunionen hingegen haben Tradition und sind ganz selbstverständlich – dort, wo man sich an sie gewöhnt hat: Kärnten wird ganz selbstverständlich als österreichisches Bundesland angesehen, egal, wie der aktuelle Kontostand lautet. Deutschland hat mit der Ost-West-Vereinigung enorme Belastungen gehoben – und einen Image-Boost daraus gemacht. Und die Stars and Stripes wehen über jedem zweiten amerikanischen Vorgarten – ungeachtet der frappierenden wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Unterschiede der einzelnen Bundesstaaten.

Ein konsequentes Ja zu einem vereinten Europa ist Voraussetzung, um Krisen zu meistern und eine Stärkung nach Filzmaier zu erleben. Die Alternative ist ein Klein-Klein in gelernten nationalen Strukturen. Und das hat nur noch ausschließlich bei der Fußball-Europameisterschaft Unterhaltungswert.


Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

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