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Euro 2012: Abseitsfalle für Europa

08.06.2012
Unsere Pflicht: grölen und feiern gegen europäische Probleme.

Ein Bierhersteller warb im Rahmen des Champions-League-Finales in München mit einem herrlichen Slogan: Weintrinker haben noch nie 90 Minuten im Regen durchgebrüllt.

Und genau das trifft’s, was Fußball ausmachen kann: Eine nicht wahnsinnig durchdachte, nicht übertrieben reife, nicht wirklich erklärbare Freude. Männer dürfen sich benehmen wie verhaltenskreative Kinder, Frauen wie verhaltenskreative Männer und Kinder wie erwachsene Fans.

In Zeiten, in denen gegens Zerbröseln kämpfende Währungen, Menschen zersägende Pornodarsteller und Pensionistinnen beratende Nationalratspräsidenten die Schlagzeilen dominieren, hätten wir etwas, das einfach nur Spaß macht, nötig wie einen Bissen Brot. Genau das könnte die Euro 2012 bringen. Ein paar Hürden sind aber zu nehmen, bevor die Fußball-Europameisterschaft alles andere überstrahlen kann.

Zum Beispiel: Auch wenn die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko selbst für die Austragung der Euro 2012 war – sollte ihr Opponent, Präsident Janukowytsch, von europäischen Politikern geächtet alleine in der VIP-Tribüne landen, präsentiert sich die Ukraine nicht als europäischer Gastgeber, sondern als dermaßen isoliert, dass nicht einmal Gott Fußball westliche Politiker in die wackelige Demokratie locken kann. Klassisches Eigentor für den Veranstalter und europäisches Abseits.

Ein völkerverbindendes Fest könnten außerdem rechtsextreme gewaltbereite Strömungen torpedieren. Sowohl in der Ukraine als auch in Polen gibt es eine Szene, deren politisches Programm in etwa lautet: Ausländische oder andersrassige Spieler oder Schwule sowieso gehören zum Teufel gejagt. Gewiss, diese Mutationsstufe von "Fans" gibt es leider in vielen Ländern. Aber: Polen und Ukraine haben noch niemals ein derartig großes Sportereignis veranstaltet. Die Daumen seien gehalten, dass man nicht mit dem Sicherheitsmanagement überfordert ist.

Aber wenn bei dem Turnier alles gut geht, kann die EM natürlich viel Positives bewirken: Wird gemeinsam gefeiert, kann das ein europäisches Gefühl mehr stärken als jede Zentralbank. Ein Sieg Spaniens oder Griechenlands könnte die Länder bärenstark und jubelnd ins Rampenlicht rücken. Da Märkte von Psychologie getrieben werden, würde das sehr wohl einen positiven wirtschaftlichen Effekt auf die europäischen Sorgenkinder haben - und die Euro hilft dem Euro. Oder auch: Italien könnte beweisen, dass es noch genug Spieler auf freiem Fuß hat, um eine Mannschaft aufs Feld zu bringen...

Aber jetzt: Spielt Fußball! Wir, das Publikum, werden unseren Teil pflichtbewusst erfüllen und die kommenden Wochen durchgrölen, kriegsbemalen und verhaltenskreativ sein. Das haben wir uns, das hat sich die Euro verdient.

Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

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