Quelle: ZAMG

Interviews

Weitere Meinungsthemen

Frankreich: Sarkozy geht, Hollande kommt

Guillaume Horcajuelo/EPA/picturedesk.com

relevant Redaktion

Frankreich: Sarkozy geht, Hollande kommt

08.05.2012
Die Ära Sarkozy ist zu Ende. Eine Gruppe erreichte aber auch Francois Hollande nicht: jene Menschen, die sich von der Politik frustriert abgewandt haben.

17 Jahre ist es her, dass ein sozialistisches Staatsoberhaupt zuletzt an der Spitze Frankreichs stand. Nach erfolgreicher Stichwahl am 6. Mai 2012 knüpft der Lokalpolitiker Francois Hollande an diese Ära an.

Der sozialistische Kandidat erzielte eine Mehrheit von 51,62 Prozent, während der amtierende Präsident nur noch auf 48,38 Prozent kam.


Vorteil: Hollande

Dass Hollande gegen Sarkozy so gut im Rennen lag, hat für Agnès Poirier von The Guardian eindeutige Ursachen: "Sarkozy hat den Franzosen so viele Gesichter gezeigt, dass es unmöglich zu sagen ist, wofür er steht."

Gleichzeitig konnte er den Vorsprung, den er durch seine Regierungserfahrungen gegenüber Hollande hat, nicht für sich verwerten. Entsprechend irritiert resümiert H. Wittmann, Autor des Frankreich-Blogs, das letzte TV-Duell vor der Stichwahl:

"Warum hat Sarkozy nicht die Unerfahrenheit Hollandes auf dem internationalen Parkett mehr hervorgehoben? Hollande war nie Minister auf nationaler Ebene."

Stattdessen punktete dieser laut Laure Bretton von Libération mit verbalen Kontern wie diesen: "Ein Präsident des Scheiterns kann kein Kandidat der Hoffnung sein."

Erschwerend für den konservativen Politiker verkündete tags darauf noch der Zentrumspolitiker Francois Bayrou - laut Francoise Fressoz von Le Monde "der unerbittliche Vollstrecker Sarkozys" - öffentlich, für Hollande zu stimmen, da der amtierende Staatspräsident zu sehr nach den rechtsextremen Wählern geschielt habe.

Was dieses offenherzige Bekenntnis Bayrou bringen mag? Beatrice Houchard von Le Figaro hat dazu ihre eigene Theorie: "Vielleicht ja noch einen Ministerposten in der künftigen Regierung Hollande."


"Nicht rassistisch, sondern frustriert"

Marine Le Pen - die Tochter des einstigen Front-National-Chefs Jean-Marie - hatte im ersten Wahldurchgang rund 18 Prozent der Stimmen erzielt. Dass sie diesen Erfolg ideologisch motivierten WählerInnen verdanken soll, will ein französischer Kommentator im Gespräch mit Jon Henley von The Guardian jedoch nicht gelten lassen:

"Jenes Fünftel der Bevölkerung, das Marine Le Pen die Stimme gegeben hat, sind alles andere als Rassisten, Sie haben nur einfach genug von Politik, Politikern und Parteien."

Dieser Eindruck bestätigt sich, als Henley mit einem Busfahrer in Lyon ins Gespräch kommt, der noch niemals wählen war und daher auch dem Wahlergebnis am Sonntag gelassen entgegenblickt:

"Wir sind alle Arbeiter. Letztendlich schwimmen wir oder gehen wir unter - kraft oder mangels eigener Anstrengung. (...) Was wissen Politiker daher schon von Menschen wie mir? Die leben in einer anderen Welt ..."

Ute Rossbacher


Home
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech