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Patente-Aus: Pharma-Branche im Umbruch

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Patente-Aus: Pharma-Branche im Umbruch

19.04.2012
Deutlich günstigere Medikamente - das entlastet Krankenkassen und Patienten. Was aber bedeutet diese Wende für die großen Pharma-Konzerne?

Ein Ausblick, der Krankenkassen und PatientInnen weltweit aufatmen lassen dürfte: Bis 2015 laufen laut Schätzung der Managementberatung "Accenture" Patente für populäre pharmazeutische Produkte im Wert von insgesamt 99,4 Milliarden Euro aus. Die Tür für Mitbewerber, die dadurch Zugang zu den Rezepturen erhalten und die betreffenden Medikamente deutlich billiger auf dem Markt anbieten können (Generika), ist damit Tür und Tor geöffnet.


Neue Herausforderungen für Pharma-Industrie

Bereits im Herbst vergangenen Jahres bekam das Pfizer zu spüren, als sein Patent für das populäre Anti-Cholesterin-Medikament Lipitor endete. Allein mit diesem Präparat hatte das amerikanische Unternehmen bis dato im Schnitt zehn Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr gemacht.

Zahlen, die Patrick Cox in seinem Kommentar für den Investor Verlag bestätigt und gleichzeitig die neuen Herausforderungen für die Pharma-Industrie skizziert: "Wenn der Erfinder keine weiteren Erfindungen macht, ist sein Unternehmen in Gefahr, zu zerfallen, nachdem der Patentschutz abgelaufen ist."

Davon geht auch Pharma-Unternehmer Stewart Lyman aus, der in seinem Gastkommentar für Xconomy alarmiert resümiert: "Die Zahl neuer Medikamentenzulassungen war im vergangenen Jahrzehnt nicht nur gering, sondern ging sogar deutlich zurück."

Das trifft freilich nicht nur Pfizer allein, wie Katja Köllen von der WirtschaftsWoche an weiteren Beispielen verdeutlicht: "Ab Mai müssen die Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis und Bristol-Myers Squibb auf das Patent des Blutverdünners Plavix verzichten, beim Schweizer Medikamentenhersteller Novartis läuft der Blutdrucksenker Diovan aus (...) und der US-Konzern Eli Lilly verliert das Patent für Zyprexa, ein Mittel gegen Schizophrenie." Auch Bayer, derzeit noch alleiniger Inhaber des Patents für die Anti-Baby-Pille Yasmin, werde das treffen.

An Schweizer Pharma-Konzernen wie Novartis oder Roche geht diese Entwicklung nicht spurlos vorbei, wenn diese sie auch nicht so stark wie die Konkurrenz aus anderen Staaten treffe, ist Sophie Gaitzsch vom Tages-Anzeiger überzeugt. Vor allem, was Roche angeht, sieht die Autorin eine Chance: "Die Medikamentepatente laufen nicht nur später aus als bei Novartis, sie basieren zudem auf einer biologischen Formel. Im Gegensatz zu chemischen ist das Kopieren bei biologischen Medikamenten schwieriger."


Kampf gegen die "Patentklippe"

Nun ist es nicht so, dass die sogenannte "patent cliff" ("Patentklippe) die Pharma-Branche aus heiterem Himmel trifft. Lange Jahre war bekannt, dass 2012 zum Schlüsseljahr werden würde. Entsprechend haben viele Unternehmen Vorkehrungen getroffen und auf "Partnerschaften mit und Übernahmen von kleinen Biotech-Gesellschaften" (Patrick Cox, Investor Verlag) gesetzt.

Einen anderen Weg scheint Pharma-Unternehmer Stewart Lyman (Xconomy) zu präferieren: die Mitbewerber durch attraktive Summen dazu zu bringen, auf die Produktion von Generika zu verzichten.

Wie der Economist berichtet, muss es soweit gar nicht kommen, wenn Pharmaunternehmen dem Beispiel eines amerikanischen Herstellers folgen, der eine rechtliche Lücke entdeckt hat. Dazu muss man wissen, dass nach amerikanischer Gesetzeslage derjenige, der als erster den Zuschlag für den Vertrieb eines Generikums erhält, dieses die ersten 180 Tage exklusiv vertreiben darf, bevor auch andere damit auf den Markt gehen können.

Dieser Vorsprung ist allerdings dahin, wenn der Hersteller des Originals einem Unternehmen seiner Wahl die Herstellung seines Medikaments gegen eine Mitbeteiligung am Erlös gestattet und gleichzeitig den Preis für das Original senkt. Wenn das Schule macht, fürchten die AutorInnen des Economist, würden die Anreize, Generika herzustellen, deutlich gedämpft.


Entlastung der Krankenkassen durch Generika

Aus Sicht des Patienten jedenfalls gebe es dagegen keinen Grund, an der Qualität der Generika zu zweifeln, wie die Pharmazeutin Catherine Tom-Revzon gegenüber Catherine Arnst von Bloomberg Businessweek betont.

Worauf auch die Krankenkassen setzen, die sich von den günstigeren Preisen für Medikamente eine deutliche Entlastung ihrer Ausgaben erhoffen: "Allein in Österreich sparen die Krankenkassen bis zu 1,3 Milliarden Euro innerhalb der nächsten drei Jahre", rechnet Martin Schriebl-Rümmele von Der Standard exemplarisch vor.

Was die staatlichen Krankenkassen freilich nicht davon entbindet, die derzeitig geltenden Tarife zu zahlen. Sofern ihnen das möglich ist. Denn schwer verschuldete Euro-Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien sind auf Zahlungsaufschub angewiesen, erläutert Marijn Dekkers, Chef des Pharmakonzerns Bayer, im Interview mit Jahel Mielke und Moritz Döbler von Die Zeit:

"Insgesamt liegen die Außenstände (bei den genannten drei Staaten, Anm.) bei einem signifikanten dreistelligen Millionenbetrag. Die Länder haben die Zahlungsfristen zum Teil schon um ein Jahr überschritten."


Die Hoffnung, die der Branche bleibt

Schwierigkeiten, die die Ratingagenturen miteinkalkulieren, wenn sie ihren Ausblick für die Pharma-Branche im laufenden Jahr deutlich gesenkt haben. Die aber laut Sten Stovall vom Wall Street Journal in Zeiten wie diesen unverdrossen darauf setzt, "dass die Weltbevölkerung gleichzeitig wächst und immer älter wird".

Genügend PatientInnen also, an denen die Branche noch verdienen will und auch wird. - Mit oder ohne Generika.

Ute Rossbacher


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