Knapp 20 Monate, nachdem der CDU-Politiker Christian Wulff sein Amt als deutscher Bundespräsident antrat und zwei Monate, nachdem eine Reihe an Vorwürfen gegen ihn laut wurde, nimmt der 52-Jährige seinen Hut. Auslöser für seinen Schritt dürfte der Antrag zur Aufhebung seiner Immunität gewesen sein, den die Staatsanwaltschaft am (gestrigen) Donnerstag eingebracht hat.
Auch wenn Wulff in seiner Rücktrittsrede einmal mehr betont "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig", fällt es doch schwer, aufgrund der Vielzahl an belastenden Details noch an Zufälle zu glauben.
Eine Affäre, so lang wie eine Amtszeit
Ins Rollen gekommen war die Affäre Wulff streng genommen bereits 2010 - kurz vor seiner Ernennung zum Bundespräsidenten durch Bundeskanzlerin und Parteikollegin Angela Merkel. Die ersten Verdachtsmomente fielen in jene politische Ära, als der Politiker noch Ministerpräsident von Niedersachsen gewesen war.
Von einem befreundeten Unternehmer-Ehepaar soll Wulff 2008 einen Privatkredit in der Höhe von 500.000 Euro zu einer kostengünstigen Verzinsung von vier Prozent erhalten haben. Auf die Frage seiner Kollegen im Landtag, ob er zu besagter Familie geschäftliche Beziehungen unterhalte, soll der Politiker diesen Kredit jedoch verschwiegen haben.
Zum damaligen Zeitpunkt aber beschäftigte die Abgeordneten noch und vor allem Wulffs Florida-Urlaub von 2009, den er im Haus desselben befreundeten Ehepaares verbracht haben soll. Hinzu kam, dass er im Zuge seiner Reise ein kostenloses Upgrade im Wert von 3.000 Euro beansprucht haben soll.
Auffällig ist, dass Wulff nach dieser Befragung seinen Privatkredit in einen zinsgünstigeren Bankenkredit umwandeln ließ.
Im Detail waren diese Vorgänge allerdings erst im Dezember 2011 ans Licht gekommen. Infolge des medialen Trommelwirbels, der nun einsetzte, wandelte Wulff abermals seinen Kredit zu einem neu berechneten Zinssatz um.
Rücktritt auf Raten
Binnen weniger Wochen türmten sich die Vorwürfe, die sich schon lange nicht mehr nur um besagte Kredite drehten. Viele prominente Namen tauchten auf, und mit ihnen im Zusammenhang immer wieder die Frage: Hat Wulff persönliche Geschenke angenommen und dafür Gegenleistungen erbracht?
Auch sein Umgang mit der Presse, die ihm und seiner Frau Bettina bislang weitestgegend wohlgesonnen war, war glücklos. Wulff soll versucht haben, Einfluss geltend zu machen, hieß es plötzlich. Mediengerecht inszeniert von der Tageszeitung Bild, deren Chefredakteur auf entsprechende Tonbandaufzeichnungen verwies.
Auch Wulffs großer Fernsehauftritt Anfang des Jahres, bei dem er sich den Fragen von zwei Journalisten der ARD bzw. des ZDF stellte, brachte in der Sache wenig Klarheit und dem Präsidenten nicht gerade mehr Sympathien ein.
Ein Fall für den Staatsanwalt
Erst als die Staatsanwalt über den Namen eines Filmproduzenten stolperte, mit dem Wulff befreundet ist, wurde es eng für den Politiker. Jener, heißt es, soll Wulffs Familie einen Urlaub finanziert haben. Und nicht nur das, wie die Ermittler vermuten. Am Donnerstag stellten sie den Antrag zur Aufhebung der Immunität des deutschen Bundespräsidenten. "Dieser Schritt war einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik", hält Andreas Thewalt von Bild in seinem Kommentar dazu fest.
Erleichterung klingt bei Thomas Schmoll von der Financial Times Deutschland an, der resümiert: "Endlich hat auch Christian Wulff einmal etwas richtig gemacht."
Und um Differenzierung bemüht - Roland Nelles von Der Spiegel: "Er muss nicht zwangsläufig ein schlechter Mensch sein. Aber er war eben ein schlechter Präsident."
Mit dem Rücktritt Wulffs am (heutigen) Freitag ist die Sache für Günther Nonnenmacher von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung allerdings noch nicht erledigt: "Nach dem zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten innerhalb von zwei Jahren (...) ist es angebracht, über die Qualifikation und das Profil möglicher Nachfolger oder Nachfolgerinnen genauer nachzudenken."
Vor dem Hintergrund dieses Rücktritts erscheinen Thomas Lanig von Die Welt die Begleitumstände von Wulffs Ernennung nachträglich betrachtet offenbar wie ein Omen: "Erst nach einer stundenlangen Zitterpartie und drei Wahlgängen war am 30. Juni 2010 klar, dass der damalige niedersächsische CDU-Ministerpräsident ins Präsidentenamt wechseln konnte."
Ute Rossbacher

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