"For the next generation, there's a singer that combines the fiery gospel of Aretha Franklin with the stunning elegance and the beauty of lyric phrasing of Lena Horne, and she is Whitney Houston."
Mit diesen Worten stellte Clive Davis, legendärer Gründer des Plattenlabels Arista Records, 1985 eine erst 22-jährige Sängerin vor, die damals dem großen Mainstream-Publikum noch zur Gänze unbekannt war. Es war eine Live TV-Show, die erste für die Sängerin. Sie berührte das erste Mal mit ihrer engelsgleichen Stimme und ihrer nahezu perfekten Art zu Singen das Publikum. Es sollte nicht der letzte Auftritt dieser Sängerin bleiben. Und es sollte bei weitem nicht das letzte Mal bleiben, dass diese Sängerin die Herzen ihrer ZuhörerInnen berührt. Denn ihr Name war Whitney Houston.
Geburt einer Soul-Diva
Lange bevor Britney Spears und lange, lange vor diversen Disney-Stars, da war die blutjunge Whitney Houston, die das Musikbusiness eroberte. Die Sauberfrau aus einer gut behüteten, christlichen und berühmten Familie stammend, – ihre Mutter war Cissy Houston, ihre Cousine Dionne Warwick, Aretha Franklin eine enge Freundin –, verkörperte Whitney in den 1980er-Jahren den amerikanischen Traum. Was Aretha in den 1960ern und 70ern war, war Whitney in den 80er-Jahren – keiner konnte sich ihrer mystischen, alles überstrahlenden Persona entziehen.
"Saving all my love", "One Moment in Time", "Greatest Love of all" oder "I wanna dance with somebody" waren nicht nur weltweit erfolgreiche Singles, sie veränderten auch das Musikgeschäft und setzten neue Maßstäbe (sowohl qualitativ, als auch kommerziell). Eingängige Melodien (die oftmals direkt einem Disney-Film zu entstammen schienen), berührende Lyrics, eine drei Oktaven umfassende und ohrenschmeichelnde Stimme: Whitney wurde zur weltweit verehrten Ikone. "Jedes Mädchen wollte so klingen wie Whitney, so aussehen wie Whitney, so sein wie Whitney", wird Wycleaf Jean, US-amerikanischer Rapper und Produzent, fast 10 Jahre danach über die Soul-Diva sagen.
Auferstehung in den 90er-Jahren
Whitney aber nur auf den Erfolg der 1980er Jahre zu beschränken, wie es dieser Tage in zahlreichen Medien so gern geschieht, würde der Sängerin aber Unrecht tun. Anfang der 1990er setzte sie mit dem Film "The Bodyguard" und der Überdrüber-Ballade "I will always love you" erneut neue musikalische Maßstäbe, Hits wie "I'm every woman" und "Step by Step" folgten.
Dann aber machte Whitney etwas, das meines Erachtens nach genau so viel Mut wie Talent fordert und das nur sehr wenigen KünstlerInnen gelingt: Ende der 1990er änderte sie radikal ihr Image. Weg vom lieblichen Gospel-Mädel, weg von der stets gut gelaunten Disco-Queen.
Mit dem 1998 erschienenen Album "My love is your love" (für mich bis heute das beste Album aller Zeiten) präsentierte sich Whitney erwachsener, erfahrener, mutiger, reifer. Eckiger. Sie entdeckte den Hip Hop für sich (schließlich wuchs sie nicht nur mit Gospel auf, sondern auch in einer Zeit, als Hip Hop seine erste Hochkunjunktur erlebte), verschmelzte ihn zu einer perfekten Mischung mit R&B und ein bisschen Pop und brachte Hits wie "It’s not right, but it’s OK", "I learned from the best" und vor allem die weltweit sehr erfolgreiche Nächstenliebe-Hymne "My love is your love" hervor.
Erneut räumte sie Preise ab (viermal Platin für das Album, Filmsong-Oscar für "When you believe"), gewann die MTV-Generation für sich, ging auf umjubelte Welttournee. 1999 wurde sie als erfolgreichste R&B-Künstlerin des Jahrzehnts (51 Millionen verkaufte Scheiben allein in den USA!) gekürt. Whitney war also in den 90ern bereits passé? Mitnichten. Vielmehr hat sie sich selbst neu erfunden.
Mit Whitney aufgewachsen
Und diese neuen Titel waren es vor allem, die mich auf Whitney aufmerksam machten. Ich war 13 Jahre alt, als "My Love is Your Love" erschien, und während meine SchulkollegInnen allesamt irgendwelchen Techno-Dreck hörten, gab's für mich nur Whitney (na gut, nicht nur, aber fast halt). Das war ein Sound, das waren Songs, die mich nicht nur berührten, mir aus der Seele sprachen, sondern mich auch tanzen ließen.
Schnell war auch die kurz darauf erschienene Best-Of-Platte "Whitney – The Greatest Hits" gekauft (sollte in keiner Musikliebhaber-Sammlung fehlen!), und beim Hören ihrer alten Hits erinnerte ich mich wieder: Zu "I'm every woman" habe ich, im zarten Volksschulalter, mit einer Freundin im Wohnzimmer ihrer Eltern wie wild getanzt. "I will always love you" und "One Moment in Time" hat meine Mutter rauf und runter gehört, während ich friedlich meine Spielsachen durch das Haus schleuderte (kein Wunder, dass meine Mutter wenigstens via Radio nach etwas Frieden suchte). Zu "I learned fron the best" wurde viele Jahre später Liebeskummer-tauglich geheult.
Mehr als nur Projektionsfläche
Ja, Whitney hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Und ja, es stimmt, die Nachfolgealben "Just Whitney" und "I look to you" konnten mit ihren früheren Arbeiten nicht mithalten, verwiesen andere Charts-Prinzesschen aber zumindest qualitativ immer noch mit einer scheinbaren Leichtigkeit auf die Plätze. Und auch, wenn dies viele Kritiker anders sehen: Whitney wurde mit den Jahren immer interessanter, wurde zu einem Mensch aus Fleisch und Blut, anstatt nur als Projektionsfläche von amerikanischen Träumen zu dienen.
Wieso ich hier nichts über Whitneys Privatleben schreibe, nichts über die private Hölle, durch die sie jahrzehntelang ging, ihr Weg gepflastert von Drogen, Gewalt und Niedergang? Weil man das in einem Nachruf einfach nicht tut. Zumindest ich nicht. Was Whitney in den eigenen vier Wänden auch immer so getrieben haben mag, es beeinflusst meine Bewunderung für ihr musikalisches Können nicht.
I heard an angel sing
Ich weiß: Ihre Welttournee 2009, von den Plattenbossen dazu gedrängt, geriet zum (künstlerischen) Desaster, die Stimme, Whitneys Markenzeichen, war brüchig und dünn, die Sängerin von Drogenexzessen gezeichnet. Und doch, beim Wien-Konzert im Mai 2010, bei dem ich dabei sein durfte, strahlte sie eine Bühnenpräsenz aus, die nur die ganz Großen für sich beanspruchen können. Es war zwar nicht mehr die Whitney, die zur Ikone wurde. Und doch brachen Tausende Menschen im Publikum in Jubelgeschrei aus, wenn SIE nur die Bühne betrat. Da konnte ich - wie ich jetzt weiß, ein letztes Mal – erleben, dass es tatsächlich nur eine Whitney Houston gibt. Und immer geben wird.
Mit 48 Jahren ist Whitney Houston von uns gegangen. Das Musikbiz hat seine glanzvollste Tochter verloren. "I heard an Angel sing" wird von nun an eine vollkommen andere Bedeutung haben.
Manuel Simbürger ist freier Journalist.

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