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Ausgerechnet Alaska

08.02.2012
In Zeiten der Finanzkrise setzt der Bundesstaat Alaska im Internet auf Selbstvermarktung. Mit Schirm, Charme - und wahrem Unterhaltungswert.

Kaum ein amerikanischer Bundesstaat präsentiert sich auf seiner offiziellen Website annähernd so erfrischend selbstbewusst wie das an der nördlichen Pazifikküste gelegene Alaska. Dazu hat der Bundesstaat mit gerade einmal rund 710.200 Einwohnern bei einer imposanten Ausdehnung von 1.717.854 km² wohl auch allen Grund.

Geschätzte 85 Prozent der staatlichen Einnahmen machen die Erlöse aus der Erdölförderung aus. Jene werden alljährlich über den Umweg des Alaska Permanent Fund anteilig an alle Einwohner des Bundesstaates (!) ausbezahlt und machen durchschnittlich immerhin 1.000 Dollar pro Person aus.

Ganz zu schweigen von der Schönheit der Natur. "Stellen Sie sich einen klaren dunklen Morgen vor: Sie können den Polarstern deutlich erkennen und die Elche hören, wie sie durch die Wälder streifen. Glauben Sie es oder nicht, aber genau so sieht der typische Morgenspazierweg zur Bushaltestelle für viele SchülerInnen in Alaska aus", machen die Autoren der gleichnamigen Website zuzugswilligen Lesern den Mund wässrig.

Und halten noch mehr verlockende Angebote bereit: Alaska habe eine der "niedrigsten Steuerquoten der USA", biete "zahlreiche Jobs" und "hervorragende Gehälter". Ein Bundesstaat in einer "optimalen Lage", um die ihn die meisten anderen in den USA beneiden, heißt es weiter.

Dafür nimmt der Alaskaner aus Überzeugung auch schon einmal die eine oder andere Wetterverstimmung in Kauf. Wobei die Autoren auch hier erst gar keine langen Gesichter gelten lassen: "Das Wetter ist nicht so schlecht wie Sie denken!"

Die Hauptstadt Anchorage und die nächstgrößten Städte Fairbanks und Juneau weisen zum Trost auch noch die niedrigsten Lebenskosten in den USA auf. Und davon einmal ganz abgesehen: "Die schönsten Flecken Alaskas sind völlig kostenlos!", berauschen sich die Betreiber der Website an ihren eigenen Verheißungen. Um enthusiastisch zur Schlussfolgerung zu kommen: "Alaska ist ein großartiger Ort, um eine Familie zu gründen, weil es überall Grünzonen und Parks gibt." Na, dann!

Noch besser dran, man glaubt es kaum, sind da nur noch Mitarbeiter des Militärs im "Land, in dessen Richtung der Ozean strömt", wie Alaska wörtlich übersetzt heißt: "Gratulation, Sie haben den Jackpot geknackt!"


Washington, wir kommen

Ähnliches kann wohl nur noch über die Einwohner des südlicher gelegenen Bundesstaates Washington gesagt werden, der interessierte Bürger mit den höchsten Mindestlöhnen der USA und einer ebenso üppigen Natur wie stilprägenden Kultur dank seiner Metropole Seattle lockt. Die spätestens seit Beginn der 90er-Jahre durch die Grunge-Bewegung und den Flanellhemd-Look den meisten ein Begriff ist.

Zu den berühmtesten Söhnen des Landes gehört obendrein Bill Gates, der in diesem Bundesstaat sein Firmenimperium aufgebaut hat. An Anziehungskraft hat Washington überdies durch die Verfilmung der Twilight-Saga gewonnen, deren Handlung sich zwischen Port Angeles, La Push, Forks und Seattle ereignet.

Nicht zuletzt der landschaftlichen Ähnlichkeiten ist es geschuldet, dass die populäre CBS-Serie Ausgerechnet Alaska (Original: Northern Exposure), die die amüsanten Erlebnisse eines New Yorker Arztes in der fiktiven Alaskaner Kleinstadt Cicely erzählt, in dem rund 890 Einwohner zählenden Örtchen Roslyn in Washington gedreht wurde.


Nature & Crime

Ein Blick in die lokale Presse der beiden Bundesstaaten offenbart, dass es abseits der paradiesisch anmutenden landschaftlichen Idylle doch jede Menge politischen Gesprächsstoff und aufregende Ereignisse gibt.

Exemplarisch dabei ist, dass auf der Website der Anchorage Daily News (ADN) ein Crime Blog die örtlichen Kriminalfälle genaustens dokumentiert. Oder im Blog Blue Byline (zu finden auf der Website der The News Tribune) ein Polizist anschaulich aus seinem bewegenden Alltag mit geradezu literarischer Qualität berichtet: "Als ich auf dem verbrannten Boden kniete, wurde mir bewusst, dass ein Teil von mir immer noch ruhig blieb - ein inneres Schutzschild, geschmiedet von einem väterlichen Instinkt, die Unschuldigen zu schützen."

Über die friedlichere Seite des Bundesstaates Alaska lässt sich auch einiges im Blog Alaskology erfahren, das mit Freizeittipps aufwartet oder The Village, das das ländliche Leben in Alaska zum Thema hat.

Die weiten, teils unberührten Landschaften inspirieren neben Autoren und Kolumnisten auch Künstler. In ihrem Hit Anchorage singt Michelle Shocked ehrfürchtig: "Es ist schon eigenartig, Texas erscheint immer so groß. Aber du weißt erst, dass du dich im größten Bundesstaat des Landes aufhältst, wenn du in Anchorage gelandet bist."


Letzte Ausfahrt: Alaska

Viel Platz, der den wenigen Einwohnern bleibt, die sich im "Last Frontier" (andere Bezeichnung für Alaska, zu deutsch: "Letzte Grenze") in alle Richtungen ausbreiten können. Agression kommt da unter den friedliebenden Bewohnern schwerlich auf, auch wenn das Waffengesetz seit 2005 den Bürgern gestattet, Handfeuerwaffen zu besitzen und diese im Auto mitzuführen.

Unabhängigkeit ist den Einwohnern des Staates jedoch nicht nur wichtig, wenn es um Selbstverteidigung geht. Eine kleine aber eingefleischte Gruppierung kämpft bereits seit Jahren für die Abspaltung ihres Landes von den USA und fordert zu diesem Zweck die Unterstützung der UNO. Auch Russland, das Alaska Ende 1867 an die USA verkauft hat, träumt zwischendurch immer wieder davon, sich das ergiebige Land zurückzuholen.

Viele Gründe also, Alaska zu besuchen - und mehr noch - sich dort eines Tages niederzulassen, wie alaska.net betont. Wobei uns die Website das bestechendste Argument bis zum Schluss vorenthält: "Sie werden hier die freundlichsten Menschen Amerikas finden!"

Was aufgrund seiner vielen Gemeinsamkeiten auch auf Washington zutreffen dürfte. So viel Sonne im Herzen ist allerdings zumindest der jugendlichen Twilight-Heldin Bella, die es vom sommerlichen Phoenix (Arizona) ins verregnete Forks (Washington) verschlagen hat, nicht mehr ganz geheuer, bringt sie doch am Ende ihres ersten Schultags in der neuen Heimat zu Papier: "Ein paar Monate hier, dann würde ich vergessen haben, was Sarkasmus ist."


Artikel, informative Websites oder Sehens- bzw. Hörenswertes in Radio und Fernsehen: In unserer Kolumne "Media's Digest" stellt relevant-Redakteurin Ute Rossbacher wöchentlich ihre Medientipps vor.


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