Vieles hat sich seit dem Gründungsjahr von FM4 in der Medienlandschaft verändert. Nur der Radiosender selbst wirkt immer noch aufmüpfig wie in den 1990er-Jahren. Ein Gespräch mit der Leiterin des Radiosenders, Monika Eigensperger, über Geburtstagsfeste, Meinungsfreiheit und den Song Contest.
Das traditionelle Geburtstagsfest von FM4 ist auch dieses Jahr wieder über die Bühne gegangen – sind Sie zufrieden?
Monika Eigensperger: Es war ein tolles Fest. Aber es ist das eingetreten, wovor wir uns seit jeher fürchten: Es hat wie aus Eimern geregnet. Das war natürlich sehr schade und hat auf mein Gemüt geschlagen. Deshalb großer Respekt vor allen Leuten, die im strömenden Regen trotzdem getanzt und Party gemacht haben!
Was wir nächstes Jahr besser machen wollen, ist die Programmierung in der großen Halle. Leider hatten wir dieses Jahr ein größeres Platzproblem als sonst.
Kann man bei FM4 eigentlich von einer heterogenen Zielgruppe sprechen? Sind das die 14- bis 49-Jährigen?
Ich tu' mir mit Altersangaben generell schwer. Denn Interesse, Neugierde und die Beschäftigung mit bestimmten Dingen sind nicht unbedingt an ein bestimmtes Geburtsdatum gekoppelt. Andererseits: Der "bis 49"-Wert ist nichts anderes als ein Radiotestwert. 90 Prozent unserer Hörer sind in der Altersgruppe "14 bis 49". Alle anderen sind darunter oder eher darüber. Ich denke sehr wohl, dass man erst in die Pubertät einkehren muss, um uns zu entdecken.
"ORF wirkt nicht einschränkend"
FM4 finanziert sich ja ausschließlich über den ORF ...
Ein Teil unserer Ausgaben wird auch durch Werbung und Kooperationen gedeckt, aber natürlich bei weitem nicht alles. Das wäre bei einem Spartenprogramm, wie wir eines sind, auch gar nicht möglich.
Trotzdem: Wäre FM4 in seiner Programmkultur und seinem Programmkonzept ohne den ORF freier? Wirkt der ORF einschränkend?
FM4 würde es ohne dem ORF gar nicht geben, das ist eine falsche Denkweise. Jeder Medieneigentümer, seien es Aktionäre oder Privatpersonen, hat Interesse, mit seinem Medium Gewinn zu machen. Der ORF möchte im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrages, dass wir Kultur an junge Menschen vermitteln. Da wird natürlich nicht einschränkend gehandelt.
Die aktuelle Tagesreichweite von FM4 liegt bei welchem Wert?
Wir schwanken seit jeher zwischen 6,5 und 7 Prozent Tagesreichweite. Sprich: 300.000 jüngere ÖsterreicherInnen (von 14 bis 49 Jahren) hören uns am Tag. In der letzten Woche haben uns rund eine Million Menschen gehört. Wir erreichen also trotz unseres sehr speziellen Angebots durchaus sehr viele Menschen!
"Meinungsverschiedenheit als wichtige Aufgabe"
Lassen Sie uns ein Blick hinter die Kulissen werfen: Als Außenstehender hat man das Gefühl, dass bei FM4 sehr unterschiedliche Menschen arbeiten, die auch allesamt an ihrer Meinung festhalten. Wie bekommt man als Chefin eine so bunte Truppe unter einen Hut? Ist das manchmal anstrengend?
Es freut mich sehr, dass Sie das so empfinden. Denn gleichgeschalteter Besinnungs-Terrorismus ist etwas, das mir strikt widerspricht. Pluralismus, Meinungsverschiedenheit, Diskurs, Auseinandersetzung und das tiefergehende Beschäftigen mit gesellschaftspolitischen Themen halte ich für wichtige Aufgaben eines Mediums. Wenn uns das bei unseren Hörern gelingt, sind wir glücklich. Wir sind stark gegen eine unkritische Haltung.
Und es stimmt: Wir sind auch intern eine sehr diskussionsfreudige Gruppe. Was nicht heißt, dass wir keine Gesprächskultur besitzen. Die persönliche Wertschätzung des Gegenübers ist nicht außer Acht zu lassen, auch wenn man seinen eigenen Standpunkt vertritt. Es ist normal, dass es in einer Gruppe von Menschen, die sich mit ihrem Herzblut für ein Thema engagiert, lauter und emotionaler zugeht als bei Menschen, die ihren Job nur zwecks dem Brötchen-Verdienen ausüben. Natürlich kann mal das Temperament mit einem durchgehen, aber das sollte die Ausnahme bleiben.
Ist es Euer Ziel, eine positive Streitkultur in der österreichischen Medienlandschaft zu etablieren?
Das ist ein frommer Wunsch, aber der Einfluss auf andere ist natürlich sehr begrenzt.
"Mehr Protest als vor paar Jahren"
Ist es heute schwieriger, mit kritischen und revolutionären Inhalten zu punkten als noch vor ein paar Jahren?
In den letzten zwei bis drei Jahren hat sich die Diskursfreudigkeit durch das Internet neu begründet. Davor war die Welt wesentlich mehr im Tiefschlaf als heute. Mit Facebook, Twitter etc. haben sich neue Protestkulturen gebildet. Stichwort: Arabischer Frühling. Man kann also mit diesen Medien sehr viel erreichen. Ich persönlich nehme heute viel mehr verschiedenartigen Protest von verschiedenen Menschen in verschiedenen Altersgruppen mit unterschiedlichen Einstellungen wahr als noch wenige Jahre zuvor.
Als Medienmacher kann einem ja nichts Besseres passieren ...
Wenn ich zynisch wäre, würde ich nun antworten: Jede Story, die viele Menschen interessiert, ist eine gute Story. Ich bin aber kein Freund von Skandalisierungen. Alle Medien müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein, wie sie mit der Fülle von Informationen umgehen.
"Medienlandschaft verändert sich"
Was halten Sie von der österreichischen Medienlandschaft?
Ich denke, Österreich kann man von der Welt nicht trennen. Wir sind keine Ausnahme. Social-Media-Plattformen können gar nicht mehr überschätzt, sondern nur noch unterschätzt werden. Wo das hinführt, wie dies unsere Möglichkeiten, unser Denken verändert, wird sich weisen. Die Medienlandschaft verändert sich, aber: aus allem, was zugrunde geht, entsteht auch etwas Neues.
Wie hat sich FM4 in den letzten 10 Jahren verändert?
Die permanente Veränderung ist Grundvoraussetzung dafür, dass alles gleich bleibt. Natürlich haben wir uns verändert, das ist ein laufender Prozess. Es gab aber bis dato keine derart grundlegende Veränderung, wie es damals bei den Kollegen von Blue Danube Radio war.
Nachdem es uns rund ein Jahr gegeben hat, machte sich eine leichte kollektive Depression bei uns breit. Denn wir waren auf so einem hohen Energie- und Arbeitslevel, dass wir keine Kraft mehr hatten. So wie wir im ersten Jahr drauf waren, hätten wir es nicht lange durchgehalten. Damals ging es ums Sein oder Nicht-Sein. Aber wir haben es geschafft. Man muss sich selbst Herausforderungen suchen und neue Ziele setzen. Das tun wir durchaus.
"FM4-Hörer wollen sich von Masse abheben"
Man stolpert immer öfter über die Kritik, FM4 sei in den letzten Jahren sehr kommerziell geworden, gleicht sich sogar Ö3 an. Was sagen Sie dazu?
Willentlich haben wir das auf keinen Fall geplant. Als wir begonnen haben, 24 Stunden zu senden, mussten wir natürlich auch unser Musikangebot erweitern. Man darf nicht vergessen, dass unsere Hörer sich meist sehr gut in der Musikszene auskennen, ein großes Niveau mitbringen. Solche Menschen wollen nicht, dass plötzlich die breite Masse "ihre" Musik kennt. Sie wollen sich abheben.
Tatsache ist: Wir haben auch schon in der Vergangenheit Songs oder Interpreten gespielt, die Monate danach auch in die Ö3-Playlist aufgenommen wurden. Das war beispielsweise bei "Wir sind Helden" und Moby so. Passiert so etwas, ist das natürlich ein zweischneidiges Schwert. Was ich aber auch betonen möchte: Nicht jeder Song, den die Masse liebt, ist automatisch ein schlechter Song.
Letzte Frage: Was halten Sie vom Song Contest?
Unsere Meinung zum Song Contest war immer schon: Es ist eine schräg-kuriose Show, an der man Spaß haben kann. Genauso wie "Wetten, dass ...?". Die Relevanz des Song Contests für die musikalische Weiterentwicklung der Welt ist sicherlich begrenzt, aber er ist einer der größten Shows, die es auf der Welt gibt.
Interview: Manuel Simbürger

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