Verfallene Häuserfassaden im Zentrum der Stadt, verlassene Straßen im nachmittäglichen Sonnenlicht. Mütter mit sorgenvoller Miene, Arbeiter mit gedankenverlorenem Ausdruck, Kinder, die in eine ungewisse Zukunft blicken. Eine einsame Unterführung, durch die ein alter Mann mit gesenktem Kopf schreitet und leise sagt: "Es ist Halbzeit in Amerika."
Nicht nur das. Es ist Clint Eastwood in einem Werbespot für den Autohersteller Chrysler, der in der Halbzeit der Superbowl am Sonntag ausgestrahlt und von Millionen Menschen gesehen wurde. Während der 81-Jährige durch die Straßen von Detroit geht, beruhigt er seine Landsleute: "Dieses Land kann nicht mit einem Hieb k. o. geschlagen werden."
Good Morning, Detroit ...
Detroit scheint der perfekte Ort zu sein, um diese Botschaft zu untermauern. Die einst florierende Auto-Metropole war bereits dem Untergang geweiht, als mit staatlichen Hilfen die dort ansässige Industrie vor rund drei Jahren gerade noch einmal stabilisiert werden konnte. Hoffnungsschimmer für die von starker Abwanderung und sozialen Problemen geplagte Stadt, die mehr denn je auf eine Perspektive angewiesen ist.
Detroits gibt es derzeit einige in den USA. Denn die Zeichen der Finanzkrise sind nur an wenigen Regionen und Menschen spurlos vorübergegangen. Das hat auch US-Präsident Barack Obama erkannt, der sich im Wahlkampf gerade erst auf seine demokratische Stammklientel - die Mittelschicht und sozial Schwachen - besonnen hat. Und in seiner kürzlich gehaltenen Rede an die Nation ähnlich starke Sprachbilder wie Eastwood verwendete.
Parteiengerangel um Eastwood
Misstrauisch fragt daher Charles M. Blow von der New York Times: "War dieser Spot nun Werbung für Chrysler oder Wahlwerbung für Obama?"
Eine Frage, die sich offenbar auch dessen politische Gegenseite - die Republikaner - stellen. Deren emotionalen Reaktionen zufolge ist das langjährige Parteimitglied Eastwood, das einst Nixon und Reagan im Wahlkampf unterstützte und selbst zwei Jahre lang als Bürgermeister tätig war, offenbar in Ungnade gefallen.
Sein Manager Leonard Hirshan kann sich gegenüber dem New York Magazine über die parteipolitische Debatte, die der Spot ausgelöst hat, nur wundern: "Ich denke, sie (gemeint sind die Republikaner, Anm.) sollten sich besser fragen, warum gerade ein langjähriger Republikaner so etwas macht ..."
Eastwood selbst will den Werbeauftritt, zu dem er den Text in weiten Teilen selbst verfasste, weder als Wahlwerbung noch politische Botschaft verstanden wissen. Im Gegenteil: "Es geht um den amerikanischen Geist, um Stolz und um Arbeitsplätze", wird der Schauspieler und Regisseur von Philip Löpfe (Basler Zeitung) zitiert.
Für die Vereinnahmungsversuche der Parteien hat der Schweizer Autor im übrigen eine einleuchtende Erklärung parat: "Mit seiner Mischung aus Männlichkeit und Aufrichtigkeit trifft Eastwood die Wertvorstellungen der weißen US-Männer perfekt."
Das gibt auch der bereits zitierte Manager Leonard Hirshan ("Er verkörpert Amerika") dem New York Magazine zu verstehen: "Eastwood ist liberaler als die Republikaner, aber er ist ein Republikaner. (...) Er verfolgt allerdings nicht einfach nur die Politik eines anderen, sondern macht sich seine eigenen Gedanken."
Offene Worte
Zum Beispiel, wenn es um Manager geht. Patrick Goldstein von der Los Angeles Times gegenüber spricht der 81-jährige Schauspieler, Regisseur und Filmmusik-Komponist offen aus, was wohl manche denken: "Wir sollten nicht die Banken oder Autohersteller untergehen lassen. Wenn ein Vorstand nicht imstande ist, ein Unternehmen wirtschaftlich zu führen, dann sollte er einfach kein Vorstand sein."
Ansagen, die so einfach wie einleuchtend erscheinen. Und vermutlich auch Eastwoods Popularität ausmachen. Bei demokratischen wie republikanischen Wählern.
Ute Rossbacher

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