"Oh je, jetzt hab' ich dich ganz verloren!" Sprach's und nippte betreten an der Bierflasche. Mein Geständnis, in den letzten Monaten zum Countrymusik-Liebhaber mutiert zu sein, hat meine Freundin dann doch nicht so ganz verkraftet. Ich bin aber stolz und meine: Mein Musikgeschmack wird immer besser, je älter ich werde. Und das Entdecken der Countrymusik ist da nur eine logische Schlussfolgerung.
Volkmusik vs. Country
Wieso aber ist hierzulande so eine Country-Abneigung spürbar, sind wir Österreicher doch eh als landliebend verschrien? Vielleicht liegt's ja gerade daran: Countrymusik erinnert viele an Alpen, Berge, Kühe und Umtata. Kurz: an die heimische Volksmusik. Und die ist, mit Verlaub, halt wirklich nicht cool. "Ich tanzte mit dir durch die Nacht, danach haben wir Liebe gemacht" oder so ähnlich ist nicht wirklich das, was coole junge Menschen hören wollen (außer, der Gabalier Andreas singt's), vielleicht sogar gepaart mit Ziehharmonika und Trachtengewand. Das überlassen wir dann doch lieber der älteren Generation.
Aber, das betonte ich auch gleich meiner geschockten Freundin gegenüber: Countrymusik hat mit (österreichischer) Volksmusik so viel zu tun wie Britney Spears mit Mozarts "Zauberflöte". Ist’s bei uns eher peinlich und kitschig, geht's in den USA darum, richtig gute und geerdete Mucke zu machen.
Traditionell, aber aufgeschlossen
Zwar stimmt's, die amerikanische Countrymusik hat ihre Ursprünge (Anfang des 20. Jahrhunderts) in der europäischen Volksmusik. Deshalb wurde am Anfang auch vor allem am Ländle und auf Ranches geträllert (na gut, das ist heute auch noch ein bisserl so). Dann aber entdeckten die Stadtmenschen den Country-Sound und ab jetzt wurde es richtig cool: Blues-, Jazz-, Rock- oder (vor allem in der jüngeren Vergangenheit) Popeinflüsse wurden immer stärker, es entstand ein Sound, der zugleich bodenständig, aber auch ein bisschen verrucht war, der sich auf alte Werte konzentrierte, sich zugleich aber aufgeschlossen zeigte, der zum Träumen anregte, aber einen auch die Hüften mitschwingen ließ.
Kaum ein anderes Genre hat derart viele Höhen und Tiefen (dass ein guter Teil der Countrymusik aus Texas stammt, wie George W. Bush jun. auch, da kann die Musik nix dafür!) erlebt wie die Countrymusik, kein anderes Genre ist derart vielfältig – von Bluegrass über Western-Swing und Rockabilly bis hin zum berühmt-berüchtigten Nashville-Sound.
Die Ruhe finden
Und immer geht’s dabei um das Leben an sich, das Finden oder Verlieren der großen Liebe, um Familie, Werte oder wie es ist, mit seinen Buddys ein Bierchen an der Bar zu heben. Das ist nett und eine angenehme Abwechslung zwischen all den schrillen und lauten Gagas, Katys und Rihannas.
Ich bin kein Country-Experte und kann deshalb nur bedingt beschreiben, wieso ich das alles so toll finde. Was ich aber weiß, ist, dass ich mich von der Rest der Welt abgrenze, wenn mein iPod die neuesten Songs von Blake Shelton, Martina McBride, Brad Paisley, Carrie Underwood oder sogar The BossHoss spielt und ich durch die lauten und hektischen Straßen Wiens eile. Ein Rückzugsort, auch inmitten einer Menschenmenge. Ein In—Sich-Kehren, ein Nachdenken darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. All das ist Countrymusik für mich.
Und wer weiß, vielleicht sitze ich im hohen Alter wirklich mal auf einer Veranda einer verlassenen Ranch, mit Strohhut am Haupt, mein weidendes Pferd beobachtend. Laut Dolly, Brad und Co. soll das ja ganz nett sein.
Manuel Simbürger ist freier Journalist.

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