Israels Premier Benjamin Netanjahu wird in Washington mit den Palästinensern verhandeln, aber keiner in seiner Heimat weiß, welche Strategie er dabei verfolgt. Analysiert Reuven Pedatzur in der israelischen Tageszeitung "Haaretz":
Wenn offiziell von einer "Strategie der israelischen Regierung" die Rede sei, so sei das irreführend, korrigiert Pedatzur. Denn es gebe nur eine Strategie des israelischen Premiers. Der diese wiederum aus Prinzip nicht mit seinen Ministern bespreche. Nebenbei nicht nur, wenn es um den Nahost-Konflikt geht, bemerkt der Autor.
Der Effekt laut Pedatzur: Israel bleibe ahnungslos zurück, wenn Netanjahu nach Washington zu den Nahost-Verhandlungen fährt. Denn keiner - weder der ihm nahestehendste Politiker noch die Medien - wissen, welches Ziel ihr Premier dort verfolgen werde, geschweige denn, ob er zu Zugeständnissen an die Palästinenser bereit sei. Der Autor - nicht ganz ohne Unbehagen: "Ganz allein Benjamin Netanjahu wird im fernen Washington über die Zukunft Israels entscheiden."
Das liege nicht zuletzt am Handlungsspielraum eines israelischen Premiers, erläutert Pedatzur: Denn wie kaum ein anderes politisches Oberhaupt im Westen genieße jener weitreichende Autonomie. Diese nutze Netanjahu im vollen Umfang. Versuche von Ministern, sich mit Ideen für allfällige Friedensverträge mit den Palästinensern einzubringen, sollten bisher fehlschlagen. Was dem Autor zufolge bedeutet: "Keiner der Minister oder Kollegen des Kabinetts hat die leiseste Ahnung, wie die Grenzen Israels nach dem Willen Netanjahu künftig verlaufen werden." Eine Vorstellung, die den Autor beunruhigt, Versuchen die Regierungsmitglieder nicht einmal, an diesem Zustand etwas zu ändern. Pedatzur: Es sei ja in Ordnung, die Politik seines Premiers zu unterstützen. Aber müsse man sie dazu nicht erst einmal kennen, hakt er nach.
Denn, schließt er ahnungsvoll: Dass auf Israel einschneidende Veränderungen zukommen werden, liege auf der Hand. Und gleichzeitig habe das Land mit Netanjahu einen Premier an der Spitze, der kraft seiner Autorität den Nahost-Konflikt beenden könne. Wobei Pedatzur notgedrungen die Frage offen lässt, ob jener dazu auch gewillt sei.

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