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Deutschland: Thilo Sarrazins Buch-Eklat

Sören Stache/EPA/picturedesk.com

Matthias Kolb

Zu kurz gedacht, zu kurz gesprungen

30.08.2010
"Wer sich mit Sarrazin inhaltlich auseinandersetzen will, der stößt auf viele Ungereimtheiten."

Thilo Sarrazin, streitbarer (Noch-)SPD-Politiker und Vorstand der deutschen Bundesbank, ist für mitunter krause Äußerungen bekannt. Mit seinem heute präsentierten Buch "Deutschland schafft sich ab" dürfte er aber den Vogel - und vielleicht auch sich selbst abgeschossen haben. Ein Blick in die umfangreiche Betrachtung des Buches von Matthias Kolb in der "Süddeutschen Zeitung":

Kolb beschreibt zunächst die gedankliche Mechanik des Werks: Sarrazin zeichnet Zukunftszenarien für Deutschland in hundert Jahren - und darin vor allem eine Variante, in der sich das Land seiner Kultur und seiner wirtschaftlichen Potenziale berauben ließ. Dafür verantwortlich sei ein rasanter Anstieg von "Wohlstandsflüchtlingen" und Muslimen.

Auch wenn das Buch Sarrazins mit Zahlen und Grafiken gespikt ist, so sei doch auffallend, dass Fakten, die ihm widersprechen, kurzerhand ausgeblendet werden, so Kolb. Etwa beim Thema einer vermeintlichen Immigranten-Flut. Dazu zitiert Kolb die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: "Mittlerweile verzeichnet Deutschland jährlich mehr Auswanderer als Einwanderer - und das gilt auch für Türken: 2009 kamen 30.000. Und es gingen: 40.000."

Bemerkenswert ist für Kolb weiters, dass sogar Sarrazin selbst in seinem Buch beschreibt, dass eine halbwegs ernstzunehmende Prognose, wie sich eine Bevölkerung in 100 Jahren entwickelt, nicht möglich sei. Zu unvorhersehbar seien die Dynamiken, die etwa Kriege oder technische Innovationen auslösen. Dies untergrabe eigentlich jede Glaubwürdigkeit seiner Szenarien.

Kolb führt noch weitere unschlüssige Beispiele aus dem viel diskutierten Buch an, um zu einer Analyse zu gelangen: Sarrazin habe schon oft mit seinen - zumindest - grenzwertigen Aussagen sich als "Tabubrecher" feiern lassen. Auch Kritiker haben leicht Angriffspunkte gefunden. Nur, wenn man weder Fan noch Feind ist, habe man es wirklich schwer. Kolb: "Wer sich aber mit Sarrazin inhaltlich auseinandersetzen will, der stößt auf viele Ungereimtheiten und bleibt ratlos zurück."

Für Matthias Kolb steht fest: Sarrazin hat es sich viel zu leicht gemacht. Der Banker zeichne ein undifferenziertes Bild, in dem man lediglich an ein paar politischen Schrauben zu drehen habe, und schon sei Deutschland vor dem drohenden Untergang zu retten. Dazu passe auch Sarrazins Schlusssatz: "Hic Rhodus, hic salta!" (lateinisch: "Hier ist Rhodos, hier springe!"; Bedeutung: Zeig hier, was du kannst! Anm.). Dazu Kolbs vernichtendes Urteil: "Wer sich von dem künftigen Bestseller neue Anregungen für die Integrationsdebatte und sachliche Argumente erhofft hat, der wird erkennen: Thilo Sarrazin ist viel zu kurz gesprungen."

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