Thilo Sarrazin möge man kritisieren, aber bitte wegen einer anderen Aussage, postuliert Robert Leicht in seinem Kommentar für den "Tagesspiegel":
Als Beispiele, um Sarrazins Unbehagen ob der missglückten Integrationspolitik in Deutschland zu rechtfertigen, dienen Robert Leicht die Berliner Bezirke Neukölln und Kreuzberg. Dort nämlich, so der Autor betreten, wo selbst grün-alternative Eltern um jeden Preis verhindern, dass ihre Kinder in Schulen mit überwiegendem Ausländer-Anteil landen. Dort nämlich, wo genau ihre Kinder plötzlich zu einer Minderheit im eigenen Land werden. Die sich plötzlich gegen ausländische Jugendliche mit zum Teil mangelhaften Deutschkenntnissen, dafür aber umso höherem Aggressionspotenzial zur Wehr setzen müsse. Ein Punkt also, in dem der Autor dem Bundesbank-Vorstand durchaus Recht zu geben bereit ist: "Mein Vorschlag: Wer Sarrazin einen Rassisten schimpft, sollte erst einmal sagen, ob er sein Kind in solch' eine Schule schicken würde."
Nicht zuletzt deshalb warnt auch er davor, die Argumente des Bundesbank-Vorstands voreilig vom Tisch zu wischen, sie als Diffamierungen von Migranten abzutun: "Vielleicht sollte man Sarrazins Buch erst ganz zu Ende lesen, bevor man ihn verbal steinigt."
Leicht hingegen stört etwas ganz anderes an Sarrazins Ausführungen - die Überbewertung der menschlichen Intelligenz in dessen Buch nämlich. Wichtiger sei es doch vielmehr, zeigt sich der "Tagesspiegel"-Autor überzeugt, "schlichten Anstand" wieder mehr zu fördern denn nur die Intelligenz und das Bildungsniveau allein. Das, was man weitläufig als Hausverstand oder gesunden Instinkt bezeichne, der einen bei zweifelhaften Untertönen von Politikern aufhorchen lasse. Einen durch den Alltag bzw. das Leben leite. Einem dabei helfe, ein Mensch zu sein - und auch zu bleiben. Ein Plädoyer Leichts, auch mit Blick auf die NS-Zeit: Nicht die sogenannten einfachen Leute seien es gewesen, die Hitler blind ergeben in die Arme liefen. Sondern vor allen anderen die Professoren und Forscher der deutschen Universität! Für den Autor Beweis genug, dass er in diesem Punkt richtig - und Sarrazin falsch - liegt, denn: "Der schlichte Anstand ist wichtiger als selbst der schärfste Verstand."

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