Zweihundert Jahre nach Veröffentlichung ihrer ersten Kinder- und Hausmärchen würden die Gebrüder Grimm ihre eigenen Geschichten wohl kaum wiedererkennen. Jedenfalls nicht in den aktuellen Hollywood-Versionen und jenen Filmfassungen, die demnächst in die heimischen Kinos kommen.
Nicht nur, dass aus "Hänsel und Gretel" fünfzehn Jahre nach ihren traumatischen Erlebnissen im tief im Wald verborgenen Knusperhäuschen fanatische Hexenjäger geworden sind, auch Schneewittchen ist heute längst nicht mehr das, was man uns einmal vorgelesen hat.
Unter der Regie des Norwegers Tommy Wirkola hat sich die Märchenfassung von "Hänsel und Gretel" (ab 2.3. im Kino) jedenfalls zu einer Action- und Fantasy-Geschichte entwickelt, in der die beiden Protagonisten - nicht mehr von ihren Eltern verlassen - verängstigt durch den Wald irren und schließlich in die Fänge einer alten Hexe geraten. Nun sind Jeremy Renner als Hänsel und das ehemalige Bond-Girl Gemma Arterton als Gretel furchtlos und von Rachegedanken erfüllt hinter Hexenwesen her, die sie versuchen zur Strecke zu bringen.
Schneewittchen mal zwei
Was sich Hollywood dabei gedacht hat, in ein und demselben Jahr gleich zwei Filmfassungen von Schneewittchen für die Leinwand zu adaptieren, weiß keiner so genau. Beide Versionen kommen binnen zwei Monaten in die heimischen Kinos und warten mit entsprechend großem Staraufgebot auf.
In "Spieglein, Spieglein – die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" mimt Julia Roberts die böse Stiefmutter und trachtet dem lieblichen "Schneewittchen" Lily Collins auf die übliche Art nach dem Leben. Die Tochter von Musiklegende Phil Collins gab übrigens ihr Filmdebüt 2009 an der Seite von Sandra Bullock in dem Drama "Blind Side – Die große Chance".
Schneewittchen Kristen Stewart - als Bella in "Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen" über Nacht berühmt geworden - legt die märchenhafte Rolle unter Regie von Rupert Sanders dagegen ganz anders an. In "Snow White and the Huntsman" zeigt sie sich ab Anfang Juni auf der Leinwand jedenfalls nicht – wie es sich für eine Prinzessin gehört – in schönen Kleidern, sondern zieht in gepanzerter Rüstung hoch zu Ross und bewaffnet mit Schild und Schwert aus, um das Land und die eigene Haut vor der bösen Königin (gespielt von Charlize Theron) zu retten.
Nicht nur Märchen im Sinn
Nicht nur Märchen waren es, die den Gebrüdern Grimm seinerzeit nur so aus der Feder flossen. Gemeinsam haben sie sich auch als Literatur- und Sprachwissenschafter hervorgetan, das erste Deutsche Wörterbuch erarbeitet und mit ihrer sprach- und literaturwissenschaftlichen Arbeit die Grundlage der Germanistik gelegt.
Ihre erfolgreichen Kunstmärchen, in denen es mitunter recht grausam zugeht, haben sie mehrmals umgeschrieben, um sie für Kinder verständlicher zu machen. Obwohl die Urfassung des Märchens "Aschenbrödel" von dem französischen Erzähler Chales Perrault stammt, gilt die Aschenputtel–Fassung der Gebrüder Grimm als die bekannteste und erfolgreichste und gehört zu dem meistverfilmten Märchenstoff überhaupt, der auch Komponisten inspiriert hat.
Renate Rossbacher ist freie Autorin.

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