Die blutigen Konflikte zwischen Muslimen und Christen, die sich seit Dezember in Nigeria verschärft und zahlreiche Opfer auf Seiten letzterer gefordert haben, sind auch Ausdruck dafür, dass es die Armut und die fehlende Perspektive sind, die die Menschen in dem bevölkerungsreichsten Land am Schwarzen Kontinent mobilisieren. So wie heute (Montag), wenn voraussichtlich Tausende in der Hauptstadt Abuja streiken - als Reaktion auf die massiv gestiegenen Spritpreise, die binnen weniger Stunden verdoppelt wurden, da die Regierung die Subventionen auf Treibstoff abgeschafft hat.
Der Zynismus liegt darin, dass ausgerechnet in einem an Öl- und Diamantenvorkommen so reichen Land wie Nigeria mehr als die Hälfte der rund 150 Millionen Einwohner von weniger als einem US-Dollar am Tag lebt. Die Rohstoffförderung im Niger-Delta hat ihnen keinen Wohlstand gebracht, dafür jedoch Umweltschäden ungeahnten Ausmaßes.
Zu Reichtum kommen nur die wenigsten. Und das nur selten auf geradem Weg: In der Liste der korruptesten Staaten der Erde (erstellt von Transparency International) nimmt Nigeria Platz 134 von insgesamt 178 Rängen ein.
Reicher Süden, armer Norden
Die enormen Probleme des Landes einen die Menschen nicht. Denn geschätzte 400 Volksgruppen ganz unterschiedlicher religiöser Ausrichtung leben unter Nigerias Dach - mehr schlecht als recht. Dem christlich dominierten Süden, der wirtschaftlich stabiler ist, steht der muslimisch geprägte und deutlich ärmere Norden gegenüber.
Die im Nordosten des Landes beheimatete islamistische Sekte Boko Haram (zu deutsch: westliche Bildung - verboten) schöpft daraus ihren Antrieb und erhält vor allem unter der verzweifelten Jugend regen Zulauf. Geistig wähnt sich die Gruppierung im Bund mit der Taliban.
Entsprechend deutet Laszlo Trankovits von Der Westen deren jüngste Gewaltakte gegen die Christen: "Boko Haram nutzt den Unmut der Menschen über den Staat und das Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem reicheren, christlich geprägten Süden Nigerias aus, um gegen Christen zu hetzen."
Die Wut der Sekte entlud sich bislang vor allem gegen die politische Kaste des Landes, zu der auch Muslime zählen. Aus Gründen, die der Historiker und Nigeria-Experte Jean Herskovits in seinem Gastkommentar für die New York Times, erklärt. Als 2009 der Sektenanführer Mohammed Yusuf während seines Polizeigewahrsams getötet wurde, klärten die Behörden die Tat weder auf, noch verurteilten sie jemanden. Die Boko Haram habe daraufhin mit Anschlägen auf öffentliche Einrichtungen reagiert, schildert der Autor.
Gottesstaat Nigeria?
Das Ziel der Islamisten ist: die Scharia (religiöse Gesetze des Islam) nicht nur in den nördlichen Bundesstaaten, sondern auch im restlichen Land als führende politische Doktrin zu verankern. Jene sieht beispielsweise die Todesstrafe für minderjährige Angeklagte und die Steinigung Homosexueller vor bzw. schränkt die Rechte von Frauen massiv ein. Vor Weihnachten stellten sie den Christen ein Ultimatum, die Region zu verlassen. Der Beginn der Anschläge und der Flucht der Betroffenen Richtung Süden.
Mehr noch als die Boko Haram fürchten sie alle jedoch die Armee, wie Herskovits bestätigt. Anton Christen von der Neuen Zürcher Zeitung ahnt, warum: "Die Streitkräfte und übrigen Sicherheitsdienste erhalten mehr als doppelt so viel wie das gesamte Erziehungswesen; ihre Aufwendungen betragen fast das Vierfache des Budgetpostens Gesundheit." Auch jetzt, wenn es gilt, die Drahtzieher hinter den Anschlägen zu finden, soll das Militär auf Betreiben der Regierung mit entsprechenden Freiheiten ausgestattet werden.
Kampf auf den Straßen
Wenn Präsident Goodluck Jonathan daher seine Landsleute via Fernsehen zur Besonnenheit und Ruhe aufruft, ist es eher unwahrscheinlich, dass er, der seit 2010 an der Spitze des Landes steht, auch gehört wird. Denn die Armut ist in Nigeria in ihrer Grausamkeit gerecht: Sie trifft - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - letztlich Vertreter aller Konfessionen. Und sie ist es auch, die die Menschen dieser Tage auf die Straßen treibt. Und wie befürchtet wird, in den nächsten Bürgerkrieg.
Ute Rossbacher

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