Die Jahreswende bietet auch für den Kabinen-Prediger die Möglichkeit, die Herbstsaison der höchsten heimischen Spielklasse noch einmal Revue passieren zu lassen. Ins Auge sticht dabei, dass sich der Herbst 2011 nur wenig von der letzten Saison unterscheidet. Wieder schwächelten die starken Klubs: Rekordmeister Rapid, Rekord-Cupsieger Austria, Dauerfavorit Salzburg und der noch immer regierende Meister Sturm Graz blieben in vielen der 19 absolvierten Runden weit hinter den Erwartungen - und am Ende dann doch wieder in der Tabelle vorn. Rapid erwies sich dabei als Einäugiger unter den Blinden und holte sich die Winterkrone. Zur Ehrenrettung des populärsten Vereins muss allerdings erwähnt werden, dass Neo-Coach Peter Schöttel die größten personellen Veränderungen aller zehn Klubs managen musste. Nach der Pleite-Saison 2010/11 mit dem Platzsturm im Derby als negativen Höhepunkt, den vielen Stadionverboten und dem Support-Boykott der Westtribüne über viele Runden hinweg, war es für das Hütteldorfer Urgestein alles andere als ein Sprung ins gemachte Bett. So gesehen darf sich Schöttel durchaus und völlig zu Recht als einer der (wenigen) Gewinner der Herbstsaison fühlen.
Rieder Underdogs bleiben ihrem Image treu
Zu einem Dauer-Gewinner hat sich der Älteste der Trainerzunft entwickelt: Paul Gludovatz hat einmal mehr bewiesen, dass er keineswegs nur ein "Schilfschneider" (wie ihn der "graue Star" Hans Krankl so gerne tituliert), sondern ein ausgefuchster Fußball-Lehrer ist. Leistungsträger der vorangegangenen Saison (Mader, Royer) wurden ebenso still, leise und vor allem ohne Leistungseinbruch ersetzt, wie der Innviertler Veteran Oliver Glasner, der gesundheitsbedingt seine Karriere vorzeitig beenden musste. Gludovatz schaffte, dass die Spielvereinigung Ried punktegleich mit Rapid auf Platz 2 überwintert. "Am Ende werden die Rieder bestenfalls Fünfter", erklärt Gludovatz gebetsmühlenartig. Ob er's selber glaubt? Oder ob das für ihn vielleicht doch nur ein Burgenländer-Witz ist? Sollten die Top-4-Klubs (Rapid, Austria, Salzburg, Sturm) im Frühjahr weiter schwächeln und die Rieder dies zu ihrem Vorteil ausnützen können, dann wäre das "Fußball-Wunder Ried" perfekt. Darüber lachen würde dann nicht nur deren burgenländischer Trainer, sondern all jene, die immer schon behauptet haben, Österreichs Bundesliga wäre eine Operetten-Liga.
Schlussmänner in Torschusspanik
Nicht nur die Top-Klubs glänzten im Herbst durch Pleiten. Auch die Torhüter mussten sich mit permanenten Schwächephasen herumschlagen. Kaum ein Keeper, der den Herbst halbwegs fehlerfrei überstehen konnte. Beim Bullenklub Salzburg führte das zur Ablöse von Eddie Gustafsson. Der alte Schwede konnte nach seinen Rassismus-Vorwürfen gegenüber den heimattreuen Innsbruckern nicht mehr mit Glanzparaden, sondern nur mehr mit Fehlgriffen begeistern. Seine Fußballer sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren, sagte Salzburg-Coach Moniz nach dem Innsbruck-Spiel. Gustafsson ist der beste Beweis dafür, wie Recht der Holländer mit seiner Aussage hat.
Bei Rapid wurde Helge Payer von Schöttel ins Abseits gestellt. Auch die schwere Verletzung von Jan Novota konnte Payers neue Position als Bank-Angestellten nicht verhindern. Nur verzögern. Im Finish der Herbstsaison erhielt Lukas Königshofer seine Chance(n) – und nutzte diese auch.
Weit unter ihrem Wert verkaufte sich auch einer der Top-Goalies der vergangenen Saison: Thomas Gebauer (Ried) zeichnete sich durch zahlreiche Steirertore aus, obwohl er eigentlich aus Bayern stammt. Interessanterweise begann seine Pleiten- und Pannenserie zu jener Zeit, als seine Einbürgerung diskutiert und er als zukünftiger österreichischer Nationalteam-Torhüter gehandelt wurde. Ist es wirklich so schlimm, wenn einem die Einberufung in das Team der großen Töchter und Söhne droht?
Zwei Trainer sagten leise "Servus"
Lange Zeit hatte es den Anschein, als wäre der Trainer-Stuhl alles andere als ein heißes Sitzmobilar. Gegen Jahresende war es dann doch soweit: Bei zwei Klubs wurden die Fußball-Lehrer ausgewechselt. In Kapfenberg nahm Werner Gregoritsch von sich aus den Hut. "Gregerl" sah unter seiner Herrschaft keine Chance mehr zur Rettung der "Falken" und bot seinen Rücktritt von sich aus an. Gregoritsch wird von Kritikern oft gerne als "Trainer vom alten Schlag" bezeichnet, der mit den modernen Fußball-Methoden nicht so wirklich etwas anfangen kann. Mit seinem Rücktritt bewies er, dass er tatsächlich einer vom "alten Schlag" ist. Denn freiwillig räumt in Zeiten wie diesen kaum einer seinen Arbeitsplatz.
Ganz anders der Abgang von Karl Daxbacher. Einen Tag nach der letzten Runde (0:3 in Salzburg) wurde von den violetten Märchenerzählern noch die Mär aufgetischt, der Trainer stehe nicht zur Diskussion. Zwei Tage nach der letzten Runde wurde Ivo Vastic als neuer starker Mann am Verteilerkreis vorgestellt. Daxbacher, der den Ruf als "Sir" genießt, kann sich damit trösten, dass er, der im Sommer 2008 sein Amt antrat, der mit Abstand längst dienende Austria-Trainer seit Ernst Ocwirk war. Dieser trainierte von 1965 bis 1970 die Austria und ist bereits vor 22 Jahren gestorben.
Gerhard Blagusz ist freier Journalist in Wien.

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