""Hast Du eigentlich Dickens' Weihnachtsgeschichten schon gelesen? Ich habe erst zwei gelesen, aber ich habe mir die Augen ausgeweint und musste fürchterlich gegen das Schluchzen ankämpfen. Aber, mein Gott, sie sind gut - und ich fühle mich danach so gut - ich werde keine Zeit verlieren und etwas Gutes tun - ich will ausgehen und jemanden trösten - ich werde Geld spenden. Oh, es muss herrlich sein, solche Bücher geschrieben zu haben und die Herzen der Menschen mit Mitleid zu füllen."
Mit diesen Worten würdigte der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson ("Die Schatzinsel") einst jene Geschichten seines Idols, von denen es "A Christmas Carol" als anerkannter Klassiker der Weltliteratur zur bekanntesten und meistgelesenen Erzählung überhaupt gebracht hat.
Was Armut für Kinder seiner Zeit bedeutete, hat Charles Dickens früh am eigenen Leib erfahren. Als der Vater im Schuldenturm landet, muss der Zwölfjährige die Schule abbrechen und als Fabriksarbeiter für den Unterhalt der Familie sorgen. Im Selbststudium versucht er nebenher das Versäumte aufzuholen und bringt sich selber das Schreiben bei. Er bringt es allen Widrigkeiten zum Trotz vom Anwaltsgehilfen zum Parlamentsberichterstatter, arbeitet als Reporter und gibt verschiedene Zeitschriften heraus. Die bitteren Erlebnisse seiner traumatisierten Jugendjahre, in denen er sich für wenig Geld in Fabriken abschuften musste, verarbeitet er später in dem Roman "David Copperfield", der mittlerweile auch als eBook (Kindle) erhältlich ist.
Weihnachtlicher Ungeist
Die Weihnachtsgeschichte, geschrieben zu einer Zeit, in der Menschen - völlig ungeschützt den Härten des (Über)Lebenskampfes ausgesetzt - ohne Krankenversicherung, Renten und Arbeitslosenversicherung auskommen mussten, weder Urlaub noch freie Wochenenden kannten, und Kinder als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden, schildert die Wandlung des gnadenlosen Geizhalses Ebenezer Scrooge zu dem, was man einen guten Menschen nennt.
Dem habgierigen Geschäftsmann, für den Weihnachten lediglich ein großes Ärgernis darstellt, weil er zu diesem Anlass seinem einzigen Angestellten, der im Übrigen ohnehin nichts Gutes bei ihm hat, diesen einen Tag im Jahr freigeben muss, erscheinen in dieser Nacht neben dem Geist seines ehemaligen, längst verstorbenen Teilhabers Marley drei weitere Geister, die ihm vor Augen führen, wie sein Leben verlaufen wäre, wäre er ein besserer Mensch gewesen. Einer der drei gewährt ihm schließlich einen wenig erfreulichen Blick auf das, was noch vor ihm liegt. Ob die Geister tatsächlich erschienen sind oder alles nur ein erleuchtender Traum war, nach dieser Nacht ist Ebenezer Scrooge jedenfalls bekehrt und zur Überraschung seiner Mitmenschen ein völlig anderer.
Wie auch in seinen anderen Geschichten appelliert der Dichter auch in diesem sentimentalen Weihnachtsmärchen ohne Kitsch und Pathos an das soziale Gewissen der Menschen gegenüber benachteiligten Mitmenschen. Er selber sagte über diese Geschichte:
"Meine Absicht war es, mit einer launischen Maskerade, welche der Frohsinn der festlichen Zeit rechtfertigt, ein paar liebevolle und großmütige Gedanken zu erwecken, die in einem christlichen Land niemals unzeitgemäß sind."
Verlust und Gewinn
Als Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte "A Christmas Carol" 1852 zum ersten Mal veröffentlicht werden sollte, ging dem Verleger das Geld aus und so kam der Autor schließlich selber für die Druckkosten auf. Das Buch wurde ein Riesenerfolg, aber leider auch zur Nullrechnung für den Autor, denn mangels Urheberrecht kam es zu zahlreichen Raubkopien, die er letztlich erfolglos mit Klagen bei Gericht zu verhindern versuchte. Am Ende verschlangen die anfallenden Kosten alle mit dem Buch gemachten Einnahmen.
Dickens' "Eine Weihnachtsgeschichte" hat übrigens auch immer wieder Regisseure und Produzenten zu Neuverfilmungen angeregt. Die letzte – eine Disney-Version mit Jim Carrey als Scrooge und Colin Firth als dessen Neffen – kam übrigens vor zwei Jahren in die Kinos und ist mittlerweile natürlich längst auch als DVD erhältlich.
Ein Jubiläum wirft seine Schatten voraus
Charles Dickens (1812-1870), dem 2012 aus Anlass seines 200. Geburtstages zahlreiche Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen und die Eröffnung eines Museums in seiner Geburtsstadt Portsmouth gewidmet sind, gilt als einer der bedeutendsten Dichter überhaupt. Bei Historikern ist sein während der viktorianischen Ära entstandenes literarisches Werk als Spiegelbild sozialer Umstände als dokumentarische Quelle längst anerkannt.
Seine im Armen- und Verbrechermilieu angesiedelte Geschichte über "Oliver Twist" gilt zudem als erster sozialer Roman der Literaturgeschichte. Darin findet sich der Aufruf: "Tu so viel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie nur möglich darüber".
Daran hält sich am Ende von Dickens' Weihnachtsgeschichte nach seiner Bekehrung auch Ebenezer Scrooge, dessen Wohltätigkeit nicht von allen Leuten verstanden wird, was diesen allerdings nicht weiter zu stören scheint: "Er ließ sie lachen und kümmerte sich kaum um sie; denn er war klug genug um zu wissen, dass auf dieser Erde nichts Gutes geschehen konnte, ohne dass es von gewissen Leuten spöttisch belächelt wurde."
Buchtipps
Hans-Dieter Gelfert Charles Dickens: Der Unnachahmliche - erschienen im H.C.Beck Verlag
Charles Dickens Eine Weihnachtsgeschichte - erschienen bei Dressler
Charles Dickens Drei Weihnachtsgeschichten - Kindle e-book
Charles Dickens Oliver Twist - Kindle e-book
Charles Dickens Eine Geschichte von zwei Städten - Kindle e-book
Charles Dickens David Copperfield - erschienen im Ueberreuter Verlag
Charles Dickens Große Erwartungen - erschienen im Insel Verlag
Charles Dickens Der Raritätenladen - erschienen im Insel Verlag
Filmtipps
Eine Weihnachtsgeschichte
Disneys Eine Weihnachtsgeschichte
A Christmas Carol – Die Nacht vor Weihnachten
Ein Weihnachtsmärchen
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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