Er gilt als "Philosoph unter den Kabarettisten": Gunkl (bürgerlicher Name: Günther Paal) behandelt in seinen Bühnenprogrammen gerne abstrakte Themen wie den freien Willen oder das große Ganze. Philosophische Vorträge, die Spaß machen. Gunkl ist auf diesem Gebiet ungeschlagen.
Auch in seinem mittlerweile zehnten Bühnenprogramm "Die großen Kränkungen der Menschheit – auch schon nicht leicht" geht's thematisch hoch her: Gunkl denkt über die Erde, die nicht Mittelpunkt des Universums ist, über Hirnaktivitäten, das "Ich" und das "Wir" nach.
Philosophisch-witzig verlief auch sein Interview, zu dem relevant-Journalist Manuel Simbürger gebeten hatte.
"Die großen Kränkungen der Menschheit" ist Ihr bereits zehntes Bühnenprogramm. Was ist das für ein Gefühl? Fühlt man sich alt?
Gunkl: Nein, überhaupt nicht. Es fühlt sich an wie jedes andere Bühnenprogramm. Es ist ja ebenso nur Zufall, dass wir zehn Finger und zehn Zehen haben. Früher hat man übrigens in Achterblöcken gezählt. Also: Die Zahl ist mir wurscht, aber nicht das Programm. Ich möchte jedes Programm so schreiben, dass ich mindestens zwei Jahre lang Spaß habe, es zu spielen. Es darf keine Abnützungserscheinungen haben, deshalb kommt auch Politik in meinen Programmen nicht vor.
"Obama ist eine Voll-Lusche!"
Die Politik bei seinen Programmen außen vor zu lassen ist eine ungewöhnliche Entscheidung für Kabarettisten ...
Schon. Nur ist der Anteil an Blödheit in der Politik so hoch, da kommt man als Kabarettist ja gar nicht nach! Ich möchte nicht jedem billigen Politik-Scherz nachlaufen. Für meine Bühnenprogramme nehme ich in Anspruch, dass ich agiere und nicht reagiere. Schließlich sollten mir die Leute zwei Stunden lang zuhören!
Aber bietet es sich nicht gerade aus diesem Grund an, sich über Politik lustig zu machen?
Man muss aufpassen: Nur, weil jemand gerade als allgemeiner Feind gilt, heißt das nicht, dass er es auch tatsächlich ist. Oft stellt sich später heraus, dass alles ganz anders war, als man zuvor glaubte.
Ein gutes Beispiel, wenn auch ein umgekehrtes, ist Barack Obama: Was wurde er vor vier Jahren nicht in den Himmel gelobt, als er Präsident wurde! In Wirklichkeit ist Obama eine Voll-Lusche! Er hat keine Durchsetzungskraft. Um ihre Wirtschaftspolitik durchsetzen zu können, hätten sich die Republikaner keinen besseren Präsidenten wünschen können. Die Gesundheitsreform von Obama ist ein Schuss in den kalten Ofen – und zwar mit Gummiringerl. "Yes, we can!" bedeutet nicht, dass wir es auch automatisch tun. Ich kann auch Skifahren und tu's nicht. We have to, anyway.
Ihr Markenzeichen ist ein sehr intelligenter und niveauvoller Humor. Braucht guter Humor immer Intelligenz?
Nein. Ich kann über Stan Laurel und Oliver Hardy auch stundenlang lachen. Es stimmt aber, dass Humor immer eine strukturelle Intelligenz braucht, sprich: ein gutes Timing. Eine inhaltlich moralische Intelligenz ist begrüßenswert, jedoch nicht zwingend. Zumindest für mich nicht.
"Publikum nicht unterschätzen"
In Ihren Programmen behandeln Sie schwierige, oft sehr abstrakte Themen. Haben Sie manchmal Bedenken, Ihr Publikum zu überfordern?
Überhaupt nicht. Beim Schreiben gehe ich stets von einem Zuseher aus, der interessiert ist, aber kein Wissen mitbringt. Ich bin überzeugt davon, dass man alles verstehen kann, wenn der Vortragende den Stoff so darlegt, als wäre er tatsächlich verständlich. Man muss nur wollen. Wenn man die Menschen zu etwas Interessantem einlädt, sind die voll dabei. Ich teile mit meinem guten Freund Harald Lesch die Freude am Wissen-Können anstatt der Freude, es tatsächlich zu wissen.
Das Geheimnis ist wohl, den Zuschauer nicht zu unterschätzen?
Auf jeden Fall. Keiner hat etwas davon, wenn das Publikum für dumm erklärt wird. Jeder Mensch hat eine Grundintelligenz, das darf man nie vergessen. Würde mir jemand a priori unterstellen, etwas nicht zu verstehen, würde ich mich wahnsinnig ärgern. Oida, ich brauch keine Kinderversion!
Gibt's eigentlich Themen, die auch Sie nicht verstehen?
Massenweise. Ich habe mir von Herbert Pietschmann das Buch "Quantenphysik verstehen" gekauft. Ein dünnes, freundliches Buch. Bei der zweiten Seite bin ich schon angestanden. Was heißt nun "Energie" genau? Ist es mehr als nur Masse mal Geschwindigkeit zum Quadrat? Dann kommen noch irgendwelche dimensionslosen Zahlen dazu, die aber elementar für das Verständnis sind. Bitte wos is?
"Ich erkläre anstatt zu erzählen"
Was inspiriert Sie?
Grundsätzlich gilt: Ich bin kein Erzähler, sondern ich erkläre etwas. Der Erklär-Modus fühlt sich für mich sehr gut an. Beim Programm "Wir schwierig" zum Beispiel hat mich inspiriert, dass Menschen ungefragt transpersonale Ich-Konzepte exekutieren. Heißt: Ich bin, was Du von Mir hältst. Das ist ja schon mal logischer Schwachsinn! Von wem soll ich denn etwas halten, der nicht ist, bevor ich etwas von ihm halte? Trotzdem wird dies gesellschaftlich durchgehend angewandt. Oder: "Bin ich mir selbst genug?" Ja, natürlich! Wie soll ich sonst durch diese Welt gehen, wenn ich für mich nicht absolutionsfähige Instanz bin?
Aber ist das menschliche, agierende Ich nicht a priori von anderen Dingen beeinflusst? Ist das Ich nicht bloß ein Reagieren auf die Umwelt? Natürlich reagiert man auf äußere Einflüsse, schon allein geographischer und genetischer Natur. Aber grundsätzlich muss ein Kern vorhanden sein, damit es ein Ich gibt.
"Kein vorbestimmer Lebensweg"
In "Die größten Kränkungen der Menschheit" behandeln Sie das Thema des freien Willens. Haben wir einen freien Willen oder ist unser Weg vorbestimmt?
Nein, solch einen Weg gibt es nicht. Das bedeutet aber nicht, dass alles, was wir tun, auch das ist, was wir wollen. Das, was wir wollen, können wir uns nicht aussuchen. Die Muster, in denen wir agieren, sind fix. Wenn sich eine Strategie bewährt hat, wird man gemäß dieser Strategie vorgehen und sie nicht mehr ändern. Das färbt auf das gesamte Ich ab. Ein einfaches Beispiel ist die Körpersprache: Würden wir uns nicht so und so bewegen, würde auch das Gespräch mit dem anderen Menschen anders verlaufen. Wir sind also weit weg davon, alles zu bestimmen, was passiert.
"Österreich für das große Ganze zu klein"
Das große Ganze ist ein weiteres Thema, mit dem Sie sich gerne beschäftigen. Was ist für Österreich das große Ganze?
Österreich ist für das große Ganze zu klein! (lacht) Aus der Distanz betrachtet: Scheitern ist eine österreichische Kulturtechnik, die geistige Heimat des Österreichers ist das Ungefähre. Nichts in unserem Land ist bis auf den Punkt festgenagelt, sodass es keine Verhandlung mehr gibt.
Wir hegen gegenüber den Deutschen so ein großes Unbehagen, weil diese mit Tüchtigkeit und strenger Konsequenz große Erfolge feiern. Wir dagegen "sagen" lieber als "festzustellen". Aber, das muss auch betont werden: Wir kommen mit dieser Strategie ganz gut durch. Je weniger man sich festlegt, desto leichter lässt sich flexibel agieren.
Was sind denn eigentlich die größten Kränkungen der Menschheit?
Alles beginnt damit, dass die Erde eine Kugel ist, keine Scheibe. Wir leben also "außen", nicht "oben", was es prinzipiell schon mal kompliziert macht. Außerdem: Wir sind nicht das Zentrum des Universums. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Wir entscheiden nicht über unser Leben oder über das, was wir wollen. "Jeder" und "Alle" ist nicht dasselbe.
"Bin für Finanztransaktionssteuer"
Zum Abschluss ein Themenwechsel: Ihre Meinung zur österreichischen Kulturszene?
Finde ich grundsätzlich schwer in Ordnung. Natürlich kann man auf hohem Niveau jammern. Aber das, was bei uns an Theater- oder ähnlichen Subventionen möglich ist, ist weltweit einzigartig. In Italien würden sie dir den Vogel zeigen, fragst du dort für eine Tanztheater-Subvention an. Ich halte es nach dem Motto meiner Freundin: Es ist alles nur so gut, wie die Alternative schlecht ist. Und umgekehrt.
... und zur Schuldenbremse?
Ich bin sehr verstört, dass es keine Finanztransaktionssteuer gibt. Für mich unverständlich. Leider spart man immer bei den Leuten, die sich am wenigsten wehren können. Auch halte ich die "Wir dürfen die Märkte nicht verunsichern"-Mentalität für ein Arschloch-Verhalten. Den Märkten muss man gegen das Schienbein treten! Man sieht ja, was passiert, wenn man die Leute anstatt die Märkte verunsichert: Es gibt einen Aufstand. Gut so! Ich unterstütze die "Occupy Wall Street"-Bewegung.
Interview: Manuel Simbürger

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