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Umfrage, tief

16.12.2011
Jugend schützt vor alten Problemen nicht.

Sie kennen sicher den Spruch: "Kinder sind so lieb, man fragt sich immer, wo die ganzen unguten Erwachsenen herkommen." Oder mit den Worten des formidablen Trio Lepschi:

Sie schlupfm aus da Mutta,
do is no ois in Butta,
nua späda, waun s daun groß wean,
do wü ma s nua no los wean.

Glühende Menschenfreunde wie Sie und ich können solchen bösenbösen Pointen natürlich wenig abgewinnen. Und eine aktuelle Umfrage des "Instituts Für Jugendkulturforschung" mit dem harmlosen Titel "Jugend und Zeitgeist" gibt uns recht. Sie widerlegt den zynischen Gedanken ein für allemal, dass sich Adoleszenz in einem Plus an Körperbehaarung und zwangsläufig auch in einem Minus an Moral manifestiert. Denn:

Schon bei den 16- bis 19-Jährigen, die für diese Studie befragt wurden, stecken flockige 40 Prozent bis zum Hals in völkischen Ressentiments: Einerseits finden sie, dass schon "viel zu viele Türken in diesem Land leben". (In diesem Land. Befragt wurden Wiener.) Andererseits glauben sie, dass "für viele Zuwanderer die echten Österreicher ein minderwertiges Volk sind". (Echt. Minderwertig. Volk.)

Weniger sicher sind sich die Jugendlichen der Umfrage, wenn's um Arbeit geht: Zwar glauben 37 Prozent, dass Faulheit der Hauptgrund für Armut ist, gleichzeitig vertrauen sie aber nicht ganz so auf die eigene Unfaulheit. 65 Prozent ist nämlich der sichere Job wichtiger als Karriere. Das hindere, so Studienleiterin Beate Großegger, viele daran, ins Ausland zu gehen. Andere sollen das aber offenbar auch gefälligst unterlassen. (Siehe Türken oben.)

Mehr als 18 Prozent der befragten Jugendlichen destillieren ihre reichliche Lebenserfahrung überdies in der Äußerung: "Die Juden haben nach wie vor zu viel Einfluss auf die Weltwirtschaft." (Nach wie vor.) Und mehr als 11 Prozent finden, dass "Adolf Hitler für die Menschheit auch viel Gutes getan hat".

Dass einige 16- bis 19-Jährige Haarsträubendes über Juden und Hitler von sich geben, fördert zwar den Brechreiz, beweist aber auch: Der Blödsinn ist geerbt. Schließlich waren die Kids nicht Hitlers Zeitzeugen, um sich - aus welchen Gründen auch immer - ein solches Bild zu machen. Und aus dem Kinderzimmer lassen sich mysteriöse Vernetzungen des Judentums in der Weltwirtschaft nicht lückenlos analysieren. (Geschweige denn, dass das Jugendliche interessiert.)

Fazit - und die gute Nachricht: Die nächste Generation steuert nicht von selbst und automatisch dorthin - do wü ma s nua no los wean.

Die noch bessere Nachricht: Sie nimmt Botschaften an. Wenn Erwachsene Egoismus, Xenophobie und Ängste überwinden, ist sicher auch diese Kultur in Nullkommanix bei den Kids. Ein Klacks eigentlich. Oder?


Sascha Bém ist Chefredakteur von relevant.at

sascha.bem[at]relevant.at

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