In Norwegen gleicht der 100. Gedenktag der Südpol-Erreichung durch Roald Amundsen einem Freudenfest. Ministerpräsident Jens Stoltenberg empfängt, wie Torsten Thissen von Die Welt berichtet, höchstpersönlich jene Gruppen am Südpol, die auf den Spuren des norwegischen Forschers und Abenteurers wandeln. Laut Klaus Blume von der Neuen Zürcher Zeitung waren "in den letzten Wochen an die 20 Expeditionen aufgebrochen". Olav Orheim von der norwegischen Tageszeitung Aftenposten sieht sich bestätigt: "Das Rennen zum Südpol vor einem Jahrhundert war ein Weltereignis - und ist es noch immer."
Wettlauf zweier Forscher
Dass sich die Expedition zum Südpol zu einem Wettlauf zwischen Roald Amundsen und dem Briten Robert Falcon Scott entwickelte, den ersterer für sich entschied, war dabei ursprünglich gar nicht vorgesehen, wendet Peter-Philipp Schmitt von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in seinem Rückblick ein: "Der Norweger wollte eigentlich nicht zum Süd-, sondern zum Nordpol. Er entschied sich um, als bekannt geworden war, dass der Amerikaner Robert Edwin Peary kurz zuvor, im April 1909, den nördlichsten Punkt erreicht hatte. Niemand sollte von seinen neuen Plänen erfahren, Scott am allerwenigsten."
Nicht der einzige Startvorteil des Norwegers, der mit guter Ausrüstung und routinierter Mannschaft unterwegs war. Im Gegensatz zu seinem britischen Rivalen kam ihm überdies seine langjährige Erfahrung bei derartigen Expeditionen entgegen, erinnert das Magazin National Geographic: "Er überwintert zweimal in der Arktis, lokalisiert den magnetischen Nordpol und stellt als Erster fest, dass dieser kein fixer Punkt ist, sondern ständig wandert. Die Norweger kommen in Kontakt mit den Inuit. Amundsen lässt sich zeigen, wie sie Iglus bauen und ihre Hunde vor die Schlitten spannen."
Scott hingegen war weniger Glück beschieden, stellt Torsten Thissen (Die Welt) dem gegenüber: "Der hatte sich für Ponys und Motorschlitten entschieden. Zwei von ziemlich vielen Fehlern in seiner Planung. So mussten Scotts Leute etwa das Wasser aus ihren Zelten schöpfen, weil der Schnee am Boden durch Brenner- und Körperwärme schmolz. Er hatte anders als Amundsen keine Bodenplane eingenäht."
Tragischer Schlusspunkt
Während Amundsen nach wochenlangen Wanderungen durch Eis und Schnee bei konstanten Wetterbedingungen wohlbehalten den Südpol und danach wieder das Basislager erreicht, wird die Gruppe um Scott immer wieder zurückgeworfen. Stephan Klemm vom Kölner Stadt-Anzeiger über ein Martyrium: "Blizzard, höllische Wetterbedingungen, eisige Kälte, bis zu minus 60 Grad, Schlafsäcke, die nicht mehr wärmen, Kleidung, die nicht hilft, Hunger."
Als die Scott-Truppe am 16. Jänner 1912 schließlich völlig entkräftet den Südpol erreicht, gibt ihnen die schwarze Fahne, die die Norweger dort fünf Wochen zuvor aufgestellt hatten, den Rest. Die Rückkehr kostet letztlich allen Teilnehmern das Leben.
Bewegendes Zeugnis der verzweifelten Tage und Wochen legt Scotts Tagebuch ab, das den britischen Forscher und seine Mitstreiter posthum als Helden und ehrenwerte Männer ausweist. Während Amundsen demgegenüber als Ehrgeizling ohne Skrupel in die Geschichte eingegangen ist.
Im Interview mit T-Online relativiert der Expeditionsforscher Arved Fuchs jedoch diesen Eindruck: "Amundsen mag kein Sympath gewesen sein, aber er war ein Pragmatiker und exzellenter Planer. Ich kann bei ihm - außer im Hinblick auf Menschenführung - keine groben Fehler erkennen. Scott dagegen hat sehr viele Fehler gemacht."
Keine Spur von "charmanter Einsamkeit"
Von der "charmanten Einsamkeit" (Arved Fuchs), die Scott oder Amundsen noch auf ihren weiten Wegen begleitete, ist nichts mehr geblieben. Heute bietet sich den Besuchern, deren Zahl sich laut Mirko Plüss von der Basler Zeitung in den letzten 20 Jahren vervierzigfacht hat, ein gänzlich anderes Bild als jenen Abenteurern, die einst unter Einsatz ihres Lebens das unwirtliche Gelände erkundeten.
Dort, wo ein bleibendes Denkmal an die beiden Forscher Amundsen und Scott erinnert, wie Stephan Klemm (Kölner Stadt-Anzeiger) schildert: "Am Südpol thront auf hydraulischen Stelzen seit 1956 die Amundsen-Scott-Forschungsstation, 6000 Quadratmeter für 130 Wissenschaftler. Sie brauchen nur die Tür zu öffnen und 50 Meter zu gehen, zur Not mit Hausschuhen, ohne Ponys, Hunde oder Schlitten. Dann stehen sie auf dem südlichsten Ort der Welt."
Verschollen in Eis und Schnee
Amundsen selbst hatte auch nach seiner erfolgreichen Expedition unermüdlich weitergeforscht und noch an mehreren Expeditionen teilgenommen. Bei einer Suchaktion nach einem verschollenen Kollegen im Jahr 1928 verliert sich jedoch die Spur des umtriebigen Abenteurers in Eis und Schnee. Der Mann, der in die Kälte ging, kehrte diesmal nicht zurück. Er wurde 56 Jahre alt.
Ute Rossbacher

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