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Afghanistan-Krieg: US-Dokumente "geleakt"

Julian Simmonds/Rex Features/picturedesk.com

Gastkommentar New York Times

Verloren im Nebel des Krieges

27.07.2010
Exum: "Die Dokumente können Menschen das Leben kosten."

"WikiLeaks" ist eine Internet-Plattform, die anonym Dokumente veröffentlicht. ("leak" = durchsickern.) Vor wenigen Tagen hat "WikiLeaks" 92.000 Seiten, teils sensible militärische Berichte und Dokumente, rund um den Afghanistan-Krieg veröffentlicht. Andrew Exum, Mitglied des "Center for a New American Security", lässt in seinem Gastkommentar für die "New York Times" kein gutes Haar am Vorgehen von "WikiLeaks":

Exum: Jeder, der die veröffentlichten Dokumente durchgesehen hat, müsse sich fragen: Warum die ganze Aufregung? Exum selbst studiere Afghanistan, habe aber nicht regelmäßigen Zugang zu Geheiminformation. Und für ihn sei genauso nichts Überraschendes oder Signifikantes dabei wie für jeden halbwegs interessierten Zeitungsleser.

Exum zu den einzelnen Punkten: 1. Anschuldigungen seitens des amerikanischen Geheimdienstes, der pakistanische militärische Nachrichtendienst habe mit den Taliban und anderen Aufständischen kooperiert. Das sei nichts Neues, auch die "New York Times" etwa habe schon seit Jahren darüber berichtet. 2. Zivile afghanische Opfer von Militäraktionen der USA und seiner Verbündeten: Die Zivilbevölkerung leide immer im Krieg, so Exum; weiters habe die "Campaign for Innocent Victims in Conflict" (humanitäre Organisation für unschuldige Kriegsopfer, Anm.) in Kabul Beweise für diese Opfer gesammelt. Diese Untersuchungen haben den damaligen Oberbefehlshaber, General Stanley McChrystal, sogar zu einem Strategiewechsel bewogen, um zivile Opferzahlen weiter zu reduzieren. 3. Der Pentagon setze hochausgebildete Spezialkommandos ein, die Rebellenanführer gefangen nehmen oder töten sollen: Für Exum ist glasklar, dass das für die meisten Amerikaner noch einer der am wenigsten umstrittenen Wege ist, Steuergeld auszugeben.

Dennoch bereitet die Veröffentlichung des Materials Exum große Sorge: "Die Dokumente beinhalten teilweise genaue sensible Informationen über Taktik, Techniken, Abläufe und Equipment der USA und der NATO. Das wird große Bestürzung bei den Militärs auslösen - und vielleicht manchen Menschen das Leben kosten." Daher liege das Weiße Haus auch richtig, seinen Unmut über "WikiLeaks" zu äußern.

Exum bringt seine eigenen persönlichen Erinnerungen ein: Er selbst sei als junger Militäroffizier 2002 nach Afghanistan gegangen und zwei Jahre später zurückgekehrt - nachdem er eine der kleinen Spezialeinheiten geleitet hatte, die nun von Allange (Julian Allange, Mitbegründer von "WikiLeaks", Anm.) als "Ermordungskommandos" bezeichnet werden. Exum habe weiters voriges Jahr als ziviler Berater McChrystals fungiert: "Ich kann nur bestätigen, dass die Situation in Afghanistan so komplex ist, dass sie sich einfacher Beurteilungen und politischer Schlussfolgerungen entzieht." Genau das tue aber jetzt ein durch die veröffentlichten Dokumente ausgelöster Ansturm von Kommentatoren und Politiker. Ihnen falle es nur allzu leicht, Berichte zu finden, die ihre ohnehin vorgefassten Meinungen bestätigen.

Exum lob die Nachrichtenmedien: Sie haben einen guten Job getan, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Krieg in Afghanistan eine höchst komplizierte Angelegenheit innerhalb der Grenzen eines zerbrochenen Landes sei. Oft sei auch das, was nach einem Konflikt zwischen Regierung und Aufständischen aussieht, vielmehr besser beschrieben als Rivalität zwischen Stammesgruppierungen - verschlimmert durch einen gewalttätigen Drogenhandel.

Ganz anders als das Vorgehen der Medien ist für Exum das von "WikiLeaks" zu bewerten: Assange bezeichne sich zwar als Journalist, was er aber nie und nimmer sei. Assange sei ein politischer Aktivist, der mit Bezeichnungen wie "Kriegsverbrechen" nur so um sich werfe.

Andrew Exum schließt seinen Kommentar mit harscher Kritik: "Wenn Assange glaube, den Frieden zu fördern, dann sind er und seine Art des Aktivismus' weit weniger hilfreich als er denkt. Indem er die Gewässer zwischen Journalismus und Aktivismus trübt sowie seine Organisation mit augenscheinlich wenig Beachtung der harten moralischen Entscheidungen und des Mangels an guten politischen Optionen für Entscheidungsträger in die Afghanistan-Debatte wirft, ist er genauso rücksichtslos und destruktiv wie die verachtenswerten Soldaten, welche die Dokumente überhaupt erst durchsickern ließen."

Der Gastautor Andrew Exum ist Mitglied des "Center for a New American Security" und war unter anderem auch in Afghanistan im Einsatz.

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