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Prospect: Das sind ja schöne Aussichten!

23.11.2011
Das britische Monatsmagazin versteht sich als "perfektes Geschenk für einen neugierigen Geist". Diesem Anspruch macht das Blatt (inklusive seiner Online-Ausgabe) alle Ehre.

Fast hätte ich den 16. Geburtstag von Prospect übersehen, das im Oktober 1995 erstmalig erschienen ist. Das einst ein Novum für die britischen Leser war, denen bis dato Magazine, die ihr Augenmerk auf langfristige politische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen richten, nicht serviert worden waren.

David Goodhart, ehemals Deutschland-Korrespondent der Financial Times, gründete Prospect mit dem Anspruch, breite öffentliche Debatten in Großbritannien und darüber hinaus anzustoßen und richtungweisend auf bestehende zu wirken.

Eine exakte Blattlinie ist daher auch nicht auszumachen, da Vertreter unterschiedlicher Denkrichtungen in dem Magazin, das mittlerweile eine Auflage von rund 33.000 Stück erreicht hat, zu Wort kommen. Eine grundsätzliche Bajahung des europäischen Gedankens und eine Tendenz zu linksintellektuellen Ansätzen sind jedoch unverkennbar.

Auch in kulturpolitischer Hinsicht gelang es dem Blatt, neue Maßstäbe zu setzen: Es gilt als profilierter Förderer der Kurzgeschichte (short story) und druckt monatlich mindestens eine ab. Seit 2005 organisiert Prospect überdies die Vergabe des National Short Story Prize, der mit 15.000 Pfund dotiert ist.


Prospect ist im Gespräch

Das ursprüngliche Ziel, Diskussionen anzuregen und einzementierte Meinungen zu hinterfragen, hat Goodhart im Laufe der Jahre tatsächlich erreicht. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Prospect gegenüber renommierte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur ihre Thesen in Gastkommentaren oder Interviews ausführlich erläutern.

Jüngstes und bezeichnendes Beispiel für die Strahlkraft von Prospect: Die Debatte über mögliche Konsequenzen aus der Euro-Krise wurde wesentlich durch einen Magazin-Beitrag des britischen Ökonomen Adair Turner geprägt. Dieser hatte unter Berufung auf den US-Wissenschafter James Tobin erstmalig eine Finanztransaktionssteuer (Tobin Tax) gefordert; und seine Anregung damit begründet, dass "ein überbordender Finanzsektor, der überhöhte Gehälter zahle, dieser unserer Gesellschaft über den Kopf wachsen würde". Mittlerweile sind immer mehr Regierungschefs in der EU auf diesen Zug aufgesprungen.

Zu den journalistischen Zaungästen des Magazins zählen überdies der amerikanische Politiker Paul Wolfowitz, der Biochemiker Craig Venter, der ägyptische Diplomat Mohamed ElBaradei und die Schriftsteller Orhan Pamuk, Margaret Atwood und John Marie Coetzee.

Weltweit Beachtung erzielte Prospect daher auch im Jahr 2005, als es seine Liste der 100 bedeutendsten Intellektuellen präsentierte und seine Leser abstimmen ließ. Diese kürten den amerikanischen Sprachwissenschafter und politischen Kritiker Noam Chomsky auf Rang 1.


Neue Wege

Initiativen wie diese hat Goodhart bedeutend mitgeprägt, sucht aber neuerdings nach neuen Herausforderungen. Als Mitglied der Denkfabrik (Think Tank) Demos setzt er mittlerweile im Bereich der Sozialforschung neue Akzente. Seine Nachfolge hat vor einem Jahr die englisch-amerikanische Journalistin Bronwen Maddox angetreten.

Von sich reden machte die 48-Jährige im Jahr 2008 mit ihrem Buch "In Defence of America", in dem sie die Standpunkte der USA erklärt und – teilweise verteidigt. Sicher ist: Auch sie wird der treuen Leserschaft des Magazins noch reichlich Nahrung zum Lesen, Nachdenken und Diskutieren servieren.

Artikel, informative Websites oder Sehens- bzw. Hörenswertes in Radio und Fernsehen: In unserer Kolumne "Media's Digest" stellt relevant-Redakteurin Ute Rossbacher wöchentlich ihre Medientipps vor.


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