Die Straßenzeitschrift The Global Player (TGP - früher Die Bunte Zeitung) - befindet sich in direkter Konkurrenz mit dem Augustin; jene Obdachlosen-Zeitschrift, die sich in Wien mittlerweile einen Namen gemacht hat. Anders als TGP, der nach wie vor - trotz inhaltlicher Top-Qualität - um Anerkennung ringt.
Zu Unrecht, wie Chefredakteur Dr. Di-Tutu Bukasa im Gespräch mit relevant-Journalist Manuel Simbürger betont. Aber: Dass die meisten Passanten genervt reagieren, wenn ihnen ein TGP-Kolporteur die neue Ausgabe verkaufen will, ist nicht von der Hand zu weisen. Sind ÖsterreicherInnen ausländerfeindlich? Oder hat TGP ein Imageproblem? Wir haben nachgefragt.
Man sieht immer weniger Global Player-Verkäufer in Wien. Warum ist das so?
Dr. Di-Tutu Bukasa: Dafür gibt es Gründe: Als wir begannen, mit der damaligen Bunten Zeitung (BZ) Menschen mit Migrationshintergrund eine Stimme zu geben, waren Asylwerber die ersten Kolporteure, die mit der Mehrheitsgesellschaft (Teil einer Bevölkerung, der aufgrund seiner zahlenmäßigen Überlegenheit die kulturelle Norm eines Landes definiert, Anm.) auf der Straße kommunizierten. Durch den Siegeszug einer Asylpolitik, die von Repressionen bzw. Deportationen von Asylwerbern - insbesondere Afrikanern und hier wiederum speziell Nigerianern - begleitet wurde, verlor die BZ gleichzeitig ihre Kolporteure.
Aufgrund der Allianz mit Kollegen aus dem ehemaligen Ostblock entstand eine zweite Generation von Kolporteuren, die überwiegend der Volksgruppen Roma und Sinti angehören. Da sie keine typischen österreichischen Obdachlosen waren, wurden sie von der Straßenzeitschrift Augustin kategorisch abgelehnt. Aber auch Augustin bekam den Verlust der afrikanischen Kolporteure zu spüren und begann unsere Verkäufer, die sie vorher abgelehnt hatten, systematisch abzuwerben.
In der Zwischenzeit hat sich "SOS Mitmensch" von den bloß theoretischen Menschenrechtskampagnen hin zu sozialer Betreuung verlagert (nach dem Motto: "Was ein Migrant tut, tun wir besser"). Die Folge: Mit der Zeitschrift MO (Moment) begannen auch sie auf dem Markt mit uns zu konkurrieren. So schließt sich der Kreis der "Heimatbonus-Genießer": institutionell mit Behörden, der Privatwirtschaft, U-Bahn-Linien und Bahnhöfen, NGOs.
In diesem Zusammenhang ist auch die Aktion der Bundespolizeidirektion Wien, des Präsidiums mit General Karl Mahrer, wesentlich ...
Genau. Durch Politiker bestimmter Parteien wurde veranlasst, dass jeder Kolporteur des TGP-Erkennungszeichens scharf zu kontrollieren bzw. zu bestrafen ist. Mit den Auswirkungen dieser Vorgangsweise in Wien haben wir noch immer tagtäglich zu kämpfen. Dazu zählt auch die strikte Absage von Mag. Tomazo von den Wiener Linien, wonach - abgesehen von dem Vertrag mit Morawa und dem geduldeten einheimischen Augustin - keine anderen Zeitschriften auf dem Privatgrund der Wiener Linien verkauft werden dürfen.
TGP hat noch nicht den Bekanntheitsgrad des Augustin erreicht. Warum?
Die Verdrängung bleibt gesellschaftlich betrachtet das wesentliche Symptom der "österreichischen Krankheit". Das Nicht-Wissen-Wollen, was der TGP ist, ist beabsichtigt und wird bewusst herbeigeführt. Außerdem ist zu sagen, dass der TGP in anderen Bundesländern - insbesondere in Graz - durchaus bekannt ist: Dort sind die sogenannten Bettler durch den TGP zu Nicht-Bettlern geworden.
TGP hat ein Imageproblem. Zwar werden die qualitätsvollen Inhalte gewürdigt, die Vertriebsart allerdings sei "unprofessionell" und "unqualifiziert", heißt es ...
Ich möchte klarstellen, dass das gesamte System des TGP höchst professionell und qualifiziert arbeitet. Deshalb wird in nächster Zeit auch eine eigene TGP-Journalismusschule entstehen. Zudem findet jeden Mittwoch eine Schulung zum Thema "Verkaufen" statt.
Das Kernproblem von TGP scheint im Vertrieb zu liegen, es gab sogar Klagen wegen "aggressivem Zeitungsverkauf". Woran scheitert es?
Es gibt keine fixen Regeln, die man den Roma und Sinti vorschreiben muss. Jeder/jede ist ein Schicksal für sich. Diese Kollegen und Kolleginnen haben gelernt, unter harten Bedingungen zu überleben. Als erste Zeitschrift haben wir eine Broschüre erstellt, wie man verkaufen soll. Trotzdem merkt man, dass die VerkäuferInnen eine eigene Logik verfolgen. Wir lernen hier voneinander.
Von Montag bis Freitag findet jeweils von 15.00 – 16.30 Uhr eine Nachbesprechung statt, in welcher unter anderem über neue und alte Kolporteure gesprochen wird; woher sie stammen, über ihre alten und neuen Probleme; Meldezettel, Ausweise, Organmandate der Polizei, polizeiliche Anfragen zu bestimmten Fällen, etc., etc. - in jedem einzelnen Fall wird nach Lösungen und Verbesserungen gesucht.
"Woran es scheitert?" - Das klingt nach "victimizing the victim" (das Opfer zum Opfer stilisieren, Anm.). Mit dieser Frage verdrängen auch Sie die Dynamik des institutionalisierten und alltäglichen Rassismus in Österreich. Die Mehrheitsgesellschaft ist von der Globalisierung – nicht nur, was den freien Verkehr von Waren angeht, sondern auch den von Menschen – überfordert.
"Roma sind Guerillas des Kommunizierens"
Lastet dem Verkaufsversuch der Roma zu sehr ein Bettel-Image an?
In der gegenwärtigen Maschinerie des Kapitalismus sind die Roma und Sinti Überlebenskünstler und auch in Österreich Guerillas des Kommunizierens! Das Leiden des TGP ist die Konsequenz der Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft: Der Jud' ist schuld, der Schwarze ist Drogendealer, der Roma ist Bettler ...
Ich persönlich habe einmal erlebt, dass beim Vorbeigehen Global Player-Verkäufer über mich geschimpft haben, Minuten später wollten sie mir dann eine Zeitung verkaufen. Was sagen Sie zu solchen Vorfällen?
Das ist eine Frage der Schulung und der Belastung. "Schwarze Schafe" wird es aber immer geben. Auf dieses Verhalten hätte ich einwirken können, wenn Sie mir eine Ausweisnummer oder den Namen des Kolporteurs übermittelt hätten. Es hätte geholfen. Denn mit der betreffenden Person wäre gesprochen worden, im Wiederholungsfall wäre sie gewarnt und bei einem weiteren Vorfall wäre ihr das Erkennungszeichen und damit die Kolportage entzogen worden.
"Meinung gegenüber Roma ändern"
Haben Sie jemals daran gedacht, andere Kolporteure als die Roma einzusetzen?
Das ist nicht unser Kriterium, Menschen nach ihrem Herkunftsland auszusuchen. Jeder/jede, der sich mit unserem "Projekt" identifiziert, kann Kolporteur des TGP werden. Unter Ihrem Vorschlag, sich eine andere Gruppe zu suchen, verstehe ich, dass Österreich eine andere Gruppe (als die Roma) wünscht, was ich aber als Diskriminierung bestimmter Minderheiten ansehe. Vielleicht könnte die Mehrheitsgesellschaft - Politiker inklusive - damit beginnen, ihre Haltung und ihr Verhalten gegenüber den Roma und Sinti zu ändern.
"TGP bedeutet Nicht-Vergessen
2005 wurden Sie von Neonazis überfallen. Hat Sie das in Ihrem Kampf gegen Rassismus noch mehr bestärkt?
Zunächst bedanke ich mich für diese Frage. Sehr frustrierend war, dass ich ein Jahr nach dem Vorfall ins Polizeipräsidium eingeladen wurde, um den Täter zu identifizieren. Derjenige, auf den ich mit dem Finger gezeigt hatte, war nicht der Täter, sondern ein Polizist. Zynischerweise hatte mich dann der Polizist wegen Verleumdung angezeigt. Die Frage ist, warum die Polizei subtilerweise mithelfen sollte, dass der Täter nicht gefunden wird. Deshalb soll nicht vergessen werden, was damals mit den Juden geschah. Für mich ist jedes Erscheinen einer neuen TGP-Nummer ein Nicht-Vergessen.
"Bessere politische Klasse benötigt"
Ist Österreich ein ausländerfeindliches Land?
Politiker sind Leitbilder und Multiplikatoren zugleich. Die politische Generation der Nachkriegszeit hat gezwungenermaßen das Land demokratisch rehabilitiert. Heute stellt zum Beispiel Johannes Voggenhuber in einer TV-Diskussion (15. November 2011) im Zusammenhang mit der EU-Krise die Frage, ob man das Schicksal der Union Politikern wie Faymann oder Spindelegger überlassen könne – eine Katastrophe! Es bedarf einer besseren politische Klasse in Österreich.
Zum Abschluss: Ihre Meinung zum Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz?
Gemessen an seinem Alter und seinem parteipolitischen Umfeld könnte er diese bessere politische Klasse verkörpern. Er sorgt für frischen Wind in den konservativen Reihen seiner Partei. Seine Integrationsvorschläge sind ehrlich gemeint. Und nebenbei: Ein Staatssekretär, der bei einem Interview-Termin ein Glas Wasser bestellt, verkörpert eine neue Generation von Politikern - auch in der ÖVP.
Interview: Manuel Simbürger

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