Nach der Entlassung des US-Generals Stanley McChrystal holt die US-Regierung ihr bestes Pferd aus dem Stall, um ihrem zermürbenden Afghanistan-Einsatz die erhoffte Wendung zu geben, so Peter Gruber im Wochenmagazin "Focus":
Gruber schickt voraus: Der Afghanistan-Einsatz der USA, der 2001 begann, ist mittlerweile der längste Krieg der amerikanischen Geschichte - "länger als der Zweite Weltkrieg, länger als Vietnam". Und die Zahlen, die der Korrespondent in diesem Zusammenhang zitiert, verheißen nichts Gutes: "Mehr als 1000 US-Soldaten sind bisher gefallen, die Kosten werden bald eine Billion Dollar erreichen, und die Taliban sind immer noch nicht besiegt." Im Gegenteil, so Gruber: Statt die Aufständischen in die Knie zu zwingen, müsse die US-Armee zusehen, wie jene immer mehr Gebiete durchdringen und die Menschen dort mit öffentlichen Hinrichtungen in Angst und Schrecken versetzen.
Der Korrespondent: Alle Hoffnungen ruhen daher jetzt auf David Petraeus, dem 57-jährigen Vier-Sterne-General, der künftig die US-Truppen in Afghanistan befehligen wird. Der Autor versucht sich an einem Kurz-Porträt des leidenschaftlichen Kriegsherrn:
Zuerst einmal, greift er eines der brisantesten Details heraus: Petraeus koordinierte zuletzt als Chef des "U.S. Central Command" die Einsätze des US-Streitkräfte im gesamten Nahen und Mittleren Osten - kurzum, er war auch der Chef von Stanley McChrystal! Die Abberufung nach Afghanistan komme daher, erläutert der Autor, einer beruflichen Schlechterstellung gleich, zeigt jedoch aber vor allem, "wie dringend Obama einen General von seinem Kaliber braucht."
Und dass er ein Kaliber sei, hat der 57-Jährige bereits eindrucksvoll im Irak unter Beweis gestellt, verhehlt auch Gruber seine Bewunderung nicht. Wie kein anderer habe Patraeus Erfahrung im Umgang mit Aufständischen und Truppenaufstockungen. Er sei, betont der Autor, diszipliniert, klug in seinen Einschätzungen bzw. Entscheidungen und professionell im Umgang mit Medien und Politik. Ein promovierter Soldat, der sich auch in wissenschaftlichen Arbeiten intellektuell mit militärischen Strategien und Offensiven auseinandersetzt. Um dessen Linie zu skizzieren, lässt Gruber den General selbst zu Wort kommen: "Wir dürfen nicht mehr länger in den Kategorien Sieg oder Niederlage denken. Die Zeiten, wo man die eigene Fahne auf irgendeinem Hügel hisst, sind endgültig vorbei." Aussagen wie diese, Erfolge wie im Irak-Krieg und die herzliche Nähe zu den Menschen, die es für ihn zu beschützen gilt, sind es, die Patraeus zum "militärischen Rockstar" haben aufsteigen lassen, so der Autor.
Gruber hat sich in Washington umgehört: Experten sind sich weitestgehend einig, dass Patraeus in Afghanistan auf seine bewährte Irak-Strategie setzen und damit gute Chancen haben wird, das Blatt doch noch zu wenden. Das Credo des US-Generals dem Korrespondenten zufolge: In gutem Kontakt mit den Stammesführern zu stehen und mit den "Mitspielern zu kommunzieren", statt sie beherrschen zu wollen. Ganz nebenbei, schließt er: eine Strategie, die bisher in der Afghanistan-Politik der USA völlig gefehlt hat.

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