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Bella Italia in der Krise? Nicht wenn es um Literatur geht

08.11.2011
Von Fälschungen, Verschwörungstheorien und dem Glück, in den 60er-Jahren geboren zu sein.

"Der Mensch braucht Verschwörungstheorien um sein Scheitern andern zuzurechnen", sagt der italienische Schriftsteller und Universalgelehrte Umberto Eco über seinen neuesten, im Oktober erschienenen Roman "Der Friedhof in Prag", der es in seiner Heimat Italien bereits zum Bestseller gebracht hat.

Wie solche Verschwörungstheorien funktionieren und wie damit politisch Einfluss genommen wurde auf das Schicksal von Völkern, und damit auch auf die gesamte Entwicklung der Menschheitsgeschichte, zeigt der Autor am Beispiel eines glühenden Antisemiten und eines gefälschten Buches, das als die "Protokolle der Weisen von Zion" weltweit bekannt wurde, in seiner Geschichte auf.

Dieses berühmt gewordene "antisemitische Pamphlet" über eine angeblich geplante jüdische Weltverschwörung, das "den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vorangetrieben hat", gilt für ihn als "Meisterstück der Fälschung". (Interview mit Die Zeit)


50.000 Bücher in 70 m langen Fluren

Bereits in "Die Kunst des Bücherliebens" - im April dieses Jahres als preiswerte Taschenbuchausgabe erschienen - gibt Umberto Eco Einblicke in jene Welt, die er als die seine betrachtet. Er teilt darin sein Wissen über das Lesen, Sammeln, Besitzen und Lieben von Büchern mit jenen, die es ihm gleichtun wollen.

Allein 30.000 seiner insgesamt 50.000 Bücher befinden sich in den 70 Meter langen Fluren seiner Mailänder Wohnung, weitere 10.000 auf seinem Landsitz, der Rest in einer Zweitwohnung in Bologna. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er auch immer wieder Bücher in den Mittelpunkt seiner Geschichten stellt, wie das bereits in "Der Name der Rose" der Fall war, wo es um verbotene Bücher ging.


Dante zum Lachen

Zu dem im vergangenen Jahr erschienenen Buch "Mein Dante", in dem sich der italienische Komiker Roberto Benigni - bekannt aus dem Film "Das Leben ist schön" - auf ausgesprochen witzige Art Dantes "Göttlicher Komödie", einem Klassiker der Weltliteratur, annähert, hat Umberto Eco, der mit dem Schauspieler auch privat bestens befreundet ist, das Vorwort beigesteuert.


Generationswechsel

Ein junger italienischer Autor, der es geschafft hat, bei seinen Lesungen vor allem das junge Publikum in Scharen anzulocken, ist Ascanio Celestini, 1972 in Rom geboren. Mit dem Buch "Schwarzes Schaf" ist vor kurzem zum ersten Mal einer seiner Romane in deutscher Übersetzung erschienen.

"Ich bin in den Sechzigern geboren. In den fabelhaften Sechzigern ...", so der Beginn der Geschichte jenes Unglücksraben, von dem die Lehrerin schon früh den Eindruck hat: "Er ist schwach im Rechnen. Er ist schwach in Erdkunde. Er ist schwach im Kopf. Er kommt nur in die Schule um die Bank zu wärmen."

Einer der älteren Generation, der mit historischen Romanen und seinen spannenden Kriminalgeschichten um Commissario Montalbano ein Millionenpublikum erobert hat, ist der sizilianische Schriftsteller, Drehbuchautor, Theater- und Filmregisseur Andrea Camilleri (geb. 1925). Vor allem seine Kriminalgeschichten, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden, haben ihn weltberühmt gemacht. Die gleichnamige Fernsehserie gibt es mittlerweile auch auf DVD.


150 Jahre Italien, und was nun?

2011 feiert Italien das 150. Jubiläum seiner Einheit. Angesichts der tiefen Krise – dem Moment, "in dem die italienische Regierung den tiefsten Punkt ihrer Erbärmlichkeit erreicht hat" - wie Umberto Eco es in einem kürzlich gegebenen Interview (Die Zeit) bezeichnet – wenig Grund zum Jubeln, aber noch kein Grund zum Verzweifeln.

"Italien ist geschaffen – alles ist in Sicherheit!", lauteten 1861 die zuversichtlichen, wenn auch letzten Worte des italienischen Staatsmannes Camillo Benso di Cavour, bevor er das Zeitliche segnete. Kurz davor war es ihm gelungen, Italien nach Jahren der Fremdbelagerung zu einem Königreich zu einen, eine Verfassung zu erarbeiten und sich als Ministerpräsident in den Dienst des ersten Herrschers aus dem Piemonteser Fürstenhaus von Savoyen zu stellen. Piemont, jene Region, in der auch Umberto Eco geboren wurde, gilt seither als die Wiege Italiens.

Schon damals - so der Schriftsteller – wurde mit Verschwörungstheorien gearbeitet, dennoch ist auch für ihn das Risorgimento ein Grund zum Feiern und für viele Italiener erstmals seit langem ein Grund, wieder mal die Häuser zu beflaggen.

Der Kultursender arte bringt aus diesem Anlass am 27. November einen Themenabend mit dem Titel "Bella Italia – Land unserer Träume?" und im Laufe dieses Monats auch zahlreiche italienische Filme und Dokumentationen.


Buchtipps

Umberto Eco Der Friedhof in Prag - erschienen im Hanser Verlag

Umberto Eco Die Liebe zu Büchern - erschienen bei Deutscher Taschenbuchverlag

Umberto Eco Der Name der Rose - erschienen bei Deutscher Taschenbuchverlag

Umberto Eco Das Foucaultsche Pendel - erschienen bei Deutscher Taschenbuchverlag

Roberto Benigni Mein Dante - erschienen bei Sammlung Luchterhand

Ascanio Celestini Schwarzes Schaf - erschienen im Wagenbach Verlag

Andrea Camilleri Die Flügel der Sphinx - erschienen im Bastei Lübbe Verlag


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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