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Facebook: nach dem Status das ganze Leben

Justin Sullivan/AFP/picturedesk.com

relevant Redaktion

Facebook: nach dem Status das ganze Leben

03.02.2012
Timeline ist ein cleveres Konzept, mit dem sich Facebook Zugang zu neuen Daten von Nutzern verschaffen will. Für diese wird die Teilnahme am sozialen Netzwerk damit endgültig zur Grundsatzfrage.

In kleinen Schritten stimmte Facebook seine Nutzer auf die bislang größte Neuerung ein, die von Mark Zuckerberg am 22. September bei der F8-Entwicklungskonferenz präsentiert wurde: die Timeline.

Nicht weniger als die gesamte Chronik eines Lebens ist damit gemeint: Von der Wiege bis zur Bahre soll sich künftig das eigene Leben darstellen bzw. das der anderen verfolgen lassen. Dazu wird den Nutzern ermöglicht, auch rückwirkend bis zur Geburt sämtliche Ereignisse chronologisch nachzutragen bzw. Fotos einzuordnen.

Damit nicht genug sollen neue Programme dafür sorgen, dass auch die Gegenwart noch detaillierter als bisher dokumentiert wird - und das ohne eigenes Zutun: durch Synchronisierung mit anderen Programmen gewährt man den "Freunden" Einblick, welche Musik man gerade hört, welche Bücher man liest, welche Rezepte man ausprobiert oder wo man sich in dieser Sekunde befindet. Das Leben als News-Ticker mit Archiv-Funktion.


Die Werbeindustrie freut sich

Wenig überraschend, dass nicht nur Datenschützer alarmiert sind: "Die Netzgemeinschaft, die zu Zuckerberg ohnehin eine intensive Hassliebe pflegt, entdeckt wieder ihre Zweifel", bestätigt Thomas Lindemann von Die Welt. Zu recht, wie Sam Biddle und Andreas Donath von Gizmodo meinen: "Die Timeline ist nicht optional sondern für jeden Anwender von Facebook obligatorisch."

Wobei der Druck, dabeizubleiben, nicht einmal mehr vom Unternehmen selbst ausgeht, zeigt sich Matthias Hohensee von der WirtschaftsWoche nachdenklich: "Nun muss niemand Facebook-Mitglied werden. Aber der soziale Druck, sich digital zu repräsentieren, ist immens."

Nicht weniger wichtig als die Timeline ist daher laut Chips die Timeline Review, "eine Funktion, die dem Nutzer vor der Veröffentlichung eine letzte Chance gebe, Inhalte hinzuzufügen oder zu entfernen".

Klar ist: Die Timeline wird vielen Freude bereiten, aber in erster Linie Facebook selbst, teilt Enrico Ippolito von die taz die Bedenken: "Die Neuerungen sollen keineswegs dem Nutzer dienen. Denn nicht die Profilbesitzer sind die Kunden, sondern die Werbeindustrie."

An deren Dimension bzw. jene des Unternehmens Fabian Grabowsky von der ARD Tagesschau erinnert: "Zuckerbergs Firma ist kein Allgemeingut, sondern ein Unternehmen mit 800 Millionen Nutzern, einem geschätzten Umsatz im ersten Halbjahr (2011, Anm.) von 1,6 Milliarden US-Dollar und riesigen Erwartungen am Markt. Das Handelsgut sind Userdaten." Der Gang an die Börse ist für das kommende Jahr geplant.


Zwischen Euphorie und Skepsis

Auch für David Pogue von der New York Times Anlass, seine Mitgliedschaft bei Facebook zu überdenken und an seine Leser gerichtet zu resümieren: "Wenn Sie zu der Sorte Mensch gehören, die den Reiz von Facebook nicht auf Anhieb erkennt - sprich, sich fragt: 'Warum zum Herrgott soll ich intime Details aus meinem Leben öffentlich machen?' - dann wird die Timeline Ihre Verblüffung noch steigern."

Aus Sicht von Jürgen Stüber (Die Welt) ist jetzt geboten, sich als Facebook-Nutzer wenigstens zu fragen, "ob es überhaupt noch möglich sein wird, ein Profil für alle Kontakte zu benutzen."

Denn künftig wird es noch schwieriger zu überblicken, welche Informationen für wen in der Freundesliste sichtbar sind. Man muss dann mehr Zeit in die Profilpflege als bisher investieren, wen man sicher gehen will, nicht versehentlich "zu öffentlich" zu werden.

Gleichzeitig war die Versuchung, eine digitale Familienchronik mit einfachen Mitteln zu erstellen, nie größer. Zumindest für Nathan Bransford von cnet, der noch weiter geht:

"Ich wünschte mir, meine Großeltern hätten ihr Leben lang Facebook genutzt, damit ich in die Vergangenheit zurückgehen und mich durch ihre Chroniken scrollen könnte, um mehr über sie zu erfahren - jetzt, wo sie nicht mehr sind. Ganz einfach würde ich Fotos von ihnen sehen, die zeigen, wie sie geboren wurden, wie meine Heimatstadt vor 50 Jahren aussah, und was es hieß, ein unerfahrener Lokalbesitzer im östlichen Oregon während der Großen Depression zu sein."

Eine Euphorie, die sein amerikanischer Kollege Jolie O'Dell von venturebeat.com teilt: "Facebook hat damit eine Technologie mit wahrer emotionaler Kraft geschaffen."


Was passiert mit Daten?

Und nebenbei eine Technologie, die nichts vergisst. Der Verdacht liegt nahe, dass Inhalte - auch wenn einmal vom Nutzer gelöscht - von Facebook archiviert werden. Diese Erfahrung machte Max Schrems - Sprecher der Gruppe europe-v-facebook.org. Dem Wiener Studenten gelang es nach einem beschwerlichen Hürdenlauf, Einblick in seine Facebook-Unterlagen zu erhalten.

In seinem Gastkommentar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gibt der viel beachtete Österreicher zu Protokoll: "Viele weitere Daten über mich gibt Facebook nicht heraus, da sie dessen 'geistiges Eigentum' oder 'Betriebsgeheimnis' sind oder einfach 'zu schwer zuzuschicken', obwohl jedermann ein Recht auf eine Kopie der Daten hat. Stutzig macht einen, dass es sich hier zufällig um die besonders heiklen Daten handelt. Meine Akte bei Facebook ist umfangreich wie eine dicke Stasi-Akte."

Woody Mues von Cicero stößt das gewaltig auf: "Transparenz muss in beide Richtungen funktionieren. Bei Facebook herrscht in diesem Punkt eine bezeichnende Asymmetrie. Einerseits weiß es theoretisch alles über seine Nutzer und nötigt ihnen die Preisgabe persönlicher Informationen ab. Andererseits weiß kaum jemand genaues über Facebook und seinen Umgang mit Daten."

Deutschlands Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner fordert daher im Interview mit der Leipziger Volkszeitung: "Das Recht der Nutzer, selbst ins Internet gestellte Informationen endgültig wieder zu löschen, muss unmissverständlich im Gesetz verankert werden - und zwar auf europäischer Ebene."


Google+: Alternative zu Facebook?

Mit Spannung wird daher beoachtet, ob die Timeline Facebook mehr Daten und Nutzer bringt oder am Ende nicht doch mehr Menschen abschreckt und zur Konkurrenz überlaufen lässt. Zum Beispiel zu Google+. Das soziale Netzwerk verzeichnete in nur wenigen Wochen rund 30 Millionen Mitglieder, die dort von Beginn an ihre Informationen und Bilder von vornherein mit ausgesuchten Personengruppen, die sich handlich verwalten lassen, teilen können. Ein Schwachpunkt, den Facebook kürzlich mit einer ausgeweiteten Verwaltung der Freundesliste erst im Ansatz angegangen hat.

Entscheidend ist für Christiane Schulzki-Haddouti von KoopTech, deren Artikel auch in Die Zeit erschienen ist: "Ob Facebook seine Vormachtstellung behalten, oder ob Google+ das nächste große Ding werden wird, ist vor allem eine kulturelle Frage: Es hängt davon ab, ob wir Menschen uns stärker für bestimmte Themen oder Informationen interessieren, oder ob wir uns lieber an anderen orientieren und sie als Vermittler nutzen wollen."


Grundsatzfrage Facebook

Auf jeden Fall ist die Einführung der Timeline eine gute Gelegenheit, um innezuhalten: Denn in der anfänglichen Euphorie über Facebook und Co. gaben nicht wenige plötzlich Informationen von sich preis, die sie vorher vermutlich nie jemandem außerhalb ihres Familien- und Freundeskreises erzählt hätten. Timeline schärft die verschwommenen Grenzen wieder und zwingt zur Frage: Wer darf was von mir wissen? Und vor allem: wie viel Facebook selbst? Ein Punkt, an dem sich für manche auch entscheiden wird: bei Facebook bleiben oder gehen?

Ute Rossbacher


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