Wien Wolkig Nebel 17.1°C
Quelle: ZAMG

Kolumnen

Renate Rossbacher

kulturlounge Ystad, Stockholm, London: Krimi-Reisen liegen im Trend.


Manuel Simbürger

Inside Out Life Ball 2012: Fast-Live-Ticker zum Ball der Bälle.


Sascha Bém

provokant SMFPK? - Wenn sich Männer nach "Tetschn" sehnen.


Ute Rossbacher

Media's Digest Stars und Sternchen einmal anders: ein Blick in die Welt der Astrologie.


Markus Berndt

HR quergedacht Die ignorierten eierlegenden Wollmilchsäue.


Dr. Erdal Cetin

Inside OP Fersensporn: Schmerzhaft und langwierig zu behandeln.


Werner Becher

FrechDAX Bye Bye, Griechenland.

Interviews

Bildergalerien

Weitere Meinungsthemen

kulturlounge - die Literaturkolumne

Relevant Media

- kulturlounge

Erinnerung an einen Kultautor

19.10.2011
Johnny Depp als rumgetränkter Draufgänger.

"Rum Diary" ist nicht der erste Film des Schauspielers Johnny Depp, der nach einer Romanvorlage des amerikanischen Schriftstellers Hunter S. Thompson gedreht wurde, mit dem ihn, der ihn "Colonel" nannte, eine jahrelange Freundschaft verband; die 2005 durch den Freitod des exzentrischen Journalisten und Autors aber längst nicht ihr Ende fand.

Der Film, der Ende Oktober in den US-Kinos Premiere feiert und noch in diesem Jahr in den heimischen Kinos zu sehen sein wird, war dem Schauspieler ein persönliches Anliegen. Nach mehr als zehnjähriger Auszeit vom Filmgeschäft gibt damit aber auch der mittlerweile 65-jährige britische Regisseur Bruce Robinson ("The Killing Fields") erneut ein künstlerisches Lebenszeichen.


Die Gier nach Leben

Wie schon der Titel verrät, geht es in "Rum Diary" hochprozentig zu, wenn Johnny Depp – ganz wie der Protagonist in Hunter S. Thompsons Roman - "gierig nach Leben" den "kopflosen Draufgänger" gibt. Mit der Rolle des Journalisten Paul Kemp, der in einer Winternacht in San Juan - eine Kleinstadt des Inselstaates Puerto Rico - eintrifft, um dort eine Stelle als Reporter bei dem Regionalblatt San Juan Daily News anzutreten, bietet sich dem Schauspieler einmal mehr die Möglichkeit, seine vielseitigen Talente unter Beweis zu stellen.

Die Geschichte, die sich Ende der 1950er-Jahre ereignet, spielt sich "vor dem Hintergrund einer korrupten Gesellschaft" unter einer "unablässig herunterbrennenden Sonne" ab und spiegelt das amerikanische Lebensgefühl "vor Castro und Kennedy, vor Vietnam und Flower Power" wider. Zu jener Zeit ist Puerto Rico ein tropisches Paradies und Tummelplatz privilegierter Touristen, der "gerade von amerikanischen Investoren entdeckt wird".

Paul Kemp alias Johnny Depp ist nur einer der "vagabundierenden Journalisten", die es zuhauf auf der Insel an Land spült. Keiner der "bierbäuchigen Zeilenschinder", eher einer der "jungen wilden Rebellen, die die Welt am liebsten in der Mitte auseinander gerissen und noch einmal ganz von vorn angefangen hätten". Einer, der wie alle anderen auch stets auf der Suche nach der einen großen Story ist.

In der Zwischenzeit begnügt er sich damit, "Werbetexte für Spielcasinos und Bowlingcenter" zu schreiben, erweist sich "als Experte für das Hahnenkampf-Syndikat", zeigt sich durchaus bestechlich, wenn es um Kritiken über Luxusrestaurants geht und gerät ganz nebenbei immer wieder in Schwierigkeiten mit der Polizei. Das Buch zum Film ist im März 2010 in einer Neuausgabe und mit einem Nachwort des Schauspielers im Verlag Blumenbar erschienen.


Exzentrischer Schreiberling

Bereits 1999 trat Johnny Depp in der Verfilmung von Thompsons Roman "Fear and Loathing in Las Vegas" ("Angst und Schreck in Las Vegas"), der als Kultklassiker der 70er-Jahre gilt, unter der Regie von Terry Gilliam als Sportjournalist auf. Damals in der Rolle des Raoul Duke, der sich auf den Weg von L.A. nach Las Vegas macht, um über ein Motorradrennen in Nevada zu berichten und sich dabei mit einem Freund im Drogenrausch verliert.

Auch dieser Roman basiert auf einem Erlebnisbericht Hunter S. Thompsons, der filmisch umgesetzt nicht wirklich Dramaturgie oder Handlung vorzuweisen hat. Es ist der Schauspieler selbst, der in der Darstellung des Halluzinierten - mit Tennissocken und Turnschuhen an den Füßen, Brille auf der Nase und Hut auf der Glatze, die ihm der Autor des Buches für diese Rolle höchstpersönlich geschoren haben soll - im gespielten Drogendelirium über die Leinwand torkelnd zur Hochform aufläuft. Die Sachen, die er trägt, stammten großteils aus dem persönlichen Besitz des Autors. Einmal mehr wurde Johnny Depp, der seine eigene Drogenvergangenheit nie geleugnet, doch längst bewältigt hat, in dieser Rolle seinem eigenen Anspruch und der selbstauferlegten Verantwortung als Schauspieler gerecht, sein Publikum niemals zu langweilen.

Durch seine Wandlungsfähigkeit und seine vielseitigen Talente ist der Schauspieler immer wieder für eine Überraschung gut. Als Roux in "Chocolat" war die Gitarre in seiner Hand nicht nur bloßes Requisit, er spielte wirklich selbst darauf. In der Verfilmung des Musicals "Sweeney Todd" hat er bewiesen, dass er stimmlich jeder noch so schwierigen Gesangspartitur gewachsen ist. Mit dem Film "The Brave", der ihm 1997 bei den Filmfestspielen in Cannes große Anerkennung eingebracht hat, stellte er zudem sein Talent als Regisseur und Drehbuchschreiber unter Beweis.


Journalist und Kultautor

Der amerikanische Schriftsteller Hunter S. Thompson (1937-2005), der neben Johnny Depp auch den Schauspieler Jack Nicholson zu seinen Freunden zählte, begann seine Laufbahn als Sportjournalist, wurde später Reporter beim Rolling Stone und zu einer Ikone der Hippiebewegung. In seinen journalistischen Romanen bezieht er sich auf persönlich Erlebtes und Erfahrenes. So hat er sich seinerzeit für sein Buch "Hells Angels" ein Jahr lang der gleichnamigen Motorrad-Bruderschaft angeschlossen und dabei nach eigenen Aussagen des Öfteren sein Leben riskiert. Mehr als 40 Jahre später hat er diesem mit einem Kopfschuss freiwillig ein Ende gesetzt. Nicht aus Überdruss, nicht aus Verzweiflung, wie es heißt, sondern weil er über das Ende selbst bestimmen wollte.

Der "King of Gonzo", wie man ihn, der als Begründer des New Journalism gilt, betitelte, hat es mit seinen Romanen zum Kultautor gebracht. Mit "Der Fluch des Lono" liegt nun auch erstmals eine deutsche Übersetzung seines legendären Meisterwerks "The Curse of Lono" vor, in dem der exzentrische Autor als Sportreporter den Auftrag übernimmt, über den Honolulu-Marathon zu berichten. Der Titel nimmt Bezug auf Lono, eine auf Hawaii verehrte Gottheit.

Um diesem "durchgeknallten Trip" folgen zu können, sollte man allerdings für ein halluzinogenes Lesevergnügen bereit sein, andernfalls wird man an dieser Erzählweise wenig Gefallen finden. Das Buch ist am 11. Oktober im Heyne Verlag erschienen.


Buchtipps

Hunter S. Thompson Rum Diary - erschienen im Verlag Blumenbar (1. Neuausgabe von März 2010 mit einem Nachwort von Johnny Depp)

Paul Berry Angst und Abscheu: Das sagenhafte Leben von Hunter S.Thompson - erschienen im Verlag Bittermann

Hunter S.Thompson Hells Angels - erschienen im Heyne Verlag

Cornelia Willner-Riedl Johnny Depp: Die Kunst der Verwandlung - erschienen bei Edition Innsalz

Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


Home
Meinung
Politik
Chronik
Wirtschaft
Sport
Kultur
Society
Life
Reise
Motor
Hightech