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Island: Das jüngste Land der Welt macht von sich reden

27.09.2011
Film, Musik und Literatur aus der Heimat von Björk und Beowulf.

"Man begreift, warum dies das Land so vieler Götter ist. Die Naturgewalten sind hier so stark. Die Dinge geschehen hier so unerwartet", sagt der in Kanada lebende isländische Regisseur Sturla Gunarsson über seine ehemalige Heimat, die dieses Jahr als Gastland auf der Frankfurter Messe im Mittelpunkt stehen wird.

Der Regisseur gibt Eindrücke wieder, die er vor Jahren während der Dreharbeiten zu "Beowulf und Grendel" an der Südküste Islands gesammelt hat. Denn - "unter so extremen Wetterbedingungen" habe er mit Sicherheit noch nie gefilmt.

Die Filmgeschichte, die im 5. Jahrhundert spielt, stellt die Heldenhaftigkeit Beowulfs (im Film verkörpert von Gerard Butler) in den Mittelpunkt - den "Herkules dieser Kultur", den "allesbeherrschenden Krieger seines Stammes", der alle Macht hinter sich weiß, sich am Ende aber fragen muss, ob er tatsächlich als Held gehandelt hat; derjenige, den man besiegt hat, tatsächlich ein Feind war oder das an ihm feindlich empfundene im Grunde nur das Fremdartige war, das man nicht verstanden hat.


Puppenmacher- und Göttergeschichten

Unter den zahlreichen Neuerscheinungen isländischer Literatur, die in diesem Jahr vermehrt in deutscher Übersetzung erscheinen, nehmen natürlich auch die zur isländischen Weltliteratur zählenden Sagas geraumen Platz ein, zu denen neben der fünfteiligen Neuübersetzung der "Isländersagas" auch die in der "Prosa-Edda" verewigten altisländischen Göttergeschichten von Snorri Sturluson (1179-1241) zählen.

Der 1972 geborenen isländischen Schriftstellerin Gudrún Eva Mínervudóttir ist mit dem im August dieses Jahres erschienenen Roman "Der Schöpfer" eine tragisch-turbulente Geschichte gelungen, die sich nicht nur durch ihren originellen Erzählstil auszeichnet.

Es geht darin um zwei gleichermaßen einsame, ansonsten jedoch sehr unterschiedliche Menschen, deren Schicksale sich nach einer Zufallsbegegnung, der eine Reifenpanne vorausgeht, auf unerwartete Weise miteinander verknüpfen. Keine Liebesgeschichte im üblichen Sinn, die sich da zwischen dem in beinah völliger Isolation lebenden Sexpuppenmacher Sveinn und Lóa, einer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen, problembeladenen Mutter zweier Töchter entwickelt.


Ehrenwertes Handwerk

Sveinn, der hochkompetente Handwerker, unter dessen Händen menschenähnliche Puppen entstehen, die dazu gemacht sind "die Illusion eines menschlichen Bewusstseins zu erzeugen", hat in der Provinz, in der er lebt, natürlich mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Berufsehre, die er durchaus empfindet, will er sich aber vor allem nicht von denjenigen nehmen lassen, die in seiner Puppenproduktion, die für ihn einen durch und durch künstlerischen Akt darstellt, Schmutziges und Unmoralisches sehen wollen.

Bis zur Erschöpfung verausgabt er sich bei der Herstellung jeder einzelnen Puppe in seinem Streben nach Perfektion, um seine Kunden zufriedenzustellen. Doch von all dem ahnt Lóa nichts, die zum einen ihre eigenen Sorgen hat und sich zum andern unter einem Puppenmacher eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt hat.

Dass sie, deren Leben "erschreckend frei von Bedeutsamkeit" geworden ist, nach einer nicht geplanten Übernachtung im Haus des Künstlers mit einer seiner Prachtpuppen heimlich das Weite sucht, hat Gründe, die mit ihrer eigenen tragischen Lebenssituation zu tun haben, von der wiederum Sveinn nichts ahnt.

Immerhin führt der spontane Diebstahl dazu, dass sich die Wege der beiden noch einmal kreuzen und die Geschichte zwischen ihnen – wenn auch etwas ungewöhnlich und reichlich kompliziert - letztendlich doch weitergeht.

Eine Verfilmung des 2008 in Island erschienenen Romans, der dafür auch wirklich reichlich Stoff bietet, ist jedenfalls schon geplant.


Der große Crash

Die Finanzkrise und ihre Folgen zum Thema gemacht hat der isländische Schriftsteller Guomundur Oskarsson in seinem Anfang September erschienenen Roman "Bankster", in dem ein luxusverwöhntes Paar seine lukrativen Jobs bei einer großen Bank verliert und sich gezwungen sieht, in Zeiten der Staatspleite alternative Überlebensstrategien zu entwickeln.

Die allgemeine Krise des Landes wird zur persönlichen Lebenskrise zweier erfolgsverwöhnter Menschen und letztendlich natürlich auch zur Belastungsprobe für die Zweierbeziehung, die den veränderten Bedingungen nicht standhält. Dem Ernst der Krise setzt der Schriftsteller eine durchaus humorvolle Erzählweise entgegen.


Hurrikans, Gletscher, Felsen, Vulkane

Mit seinem Werk "Gebrauchsanweisung für Island" hat der junge isländisch-deutsche Autor Kristof Magnusson, der hierzulande 2006 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde, eine literarische Liebeserklärung an das Heimatland seiner Vorfahren vorgelegt, das er selbst, da in Hamburg geboren, nur als Besucher kennt. Einem Land, "das der Reisende sich erarbeiten muss" – wie er schreibt - "und bei schlechtem Wetter sogar erkämpfen muss".

"Das jüngste Land der Erde", das sich in seinem landschaftlichen Wandel "immer wieder neu stylt" – hält er für einen "geologischen Teenager" – der seine Bewohner mitunter bis zum Äußersten fordert.

Die von ihm beschriebenen Naturgewalten, die so "unmittelbar in das Alltagsleben" der Menschen eingreifen, decken sich durchaus mit den Beschreibungen Sturla Gunarssons, der während der Dreharbeiten die Erfahrung machte, dass "man von einem ruhigen, sonnigen Tag in einen Hurrikan gerät" und einem "alles, was man für gesichert hält, ins Gesicht schlägt".


Björks Hymnen auf die Natur

Passend zu diesem Thema erscheint am 7. Oktober auch ein neues Album der isländischen Musikerin und Sängerin Björk mit dem Titel "Biophilia", das auch als App für das iPad angeboten wird. Ein Album, das an Vielfältigkeit nichts zu wünschen übrig lässt und bereits im Vorfeld als multimediale Entdeckungsreise durch das Universum angekündigt wird. Erste Eindrücke bietet die Sängerin auf ihrer Website www.bjork.com.


Buchtipps

Gudrún Eva Mínervudóttir Der Schöpfer - erschienen im btb Verlag

Guomundur Òskarsson Bankster - erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt

Kristof Magnusson Gebrauchsanweisung für Island - erschienen im Piper Verlag

Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack (Herausgeber) Die Isländersagas - erschienen im S.Fischer Verlag

Snorri Sturluson und Arthur Häny Prosa-Edda: Altisländische Göttergeschichten - erschienen im Manesse-Verlag

Hallgrímur Helgason 101 Reykjavik - erschienen im dtv Verlag


Filme

Beowulf & Grendel

101 Reykjavik

Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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