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Die Haut, in der sie wohnen

20.09.2011
Antonio Banderas mit Skalpell. Gemma Arterton mit neuem Näschen. Und Johannes Mario Simmel hat das alles kommen sehen.

"Haben Sie schon mal mit so einer weißen Kugel geredet, in der zwei Löcher für die Nase und den Mund sind?", lässt Johannes Mario Simmel seinen Protagonisten Philip Kaven in "Niemand ist eine Insel" die Leserschaft fragen, während er am Bett "der schönsten und größten Schauspielerin des internationalen Films" sitzt, die sich gerade einem totalen Facelifting unterzogen hat.

Eine schmerzhafte Angelegenheit, die sie ohne Narkose über sich ergehen lassen musste, weil wegen überhöhten Alkohol- und Tablettenkonsums mittlerweile weder Betäubungs- noch Schmerzmittel Wirkung zeigen. Und absolute "Berufsnotwendigkeit" für eine, wenn auch noch junge Schauspielerin, deren Haut über die Jahre durch Schminke und Maske mit teilweise "riskanten Lotionen und Klebemitteln", aber natürlich auch durch ungesunden Lebenswandel sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Der Roman aus den 1970ern war dem allgemeinen Schönheitsboom des letzten Jahrzehnts ein paar Schritte voraus und lässt ahnen, was Menschen bereit sind auf sich zu nehmen, um einem Erfolg versprechenden Schönheitsideal zu entsprechen. Es scheint auch nicht mehr wichtig, was daran echt oder geschönt ist, es gilt den Altersprozess zu verzögern, wenn nicht gar aufzuhalten und sich das gegebenenfalls auch einiges kosten zu lassen.

Die Schönheitschirurgie boomt, hält Einzug in Fim und Literatur, erschließt neue Berufszweige, wie beispielsweise das Beauty Consulting, eine Anlaufstelle für Menschen, die mit ihrem Aussehen unzufrieden, sich aber nicht sicher sind, ob sie sich für Botox, Filler, Laser oder Facelifting entscheiden sollen. 25 Prozent der Kunden, die hier Beratung erfahren und an entsprechende Schönheitschirurgen vermittelt werden, sind mittlerweile Männer. Der Preis ist hoch; wird er bezahlt, kann den Menschen, die sich in der Haut, in der sie wohnen, nicht mehr wohlfühlen, jedenfalls geholfen werden.


Nach der Operation die Nase vorn

Was eine kleine Schönheitskorrektur bewirken und welche ungeahnten Folgen sie haben kann, zeigt die amüsante britische Komödie "Immer Drama um Tamara" (Originaltitel: Tamara Drewe) von Stephan Frears, in der ein junges Mädchen, früher wegen ihres zu groß geratenen Riechorgans als "Nasenbär" gehänselt, nach erfolgter Operation in das heimatliche Provinzdorf zurückkehrt, in dem sie einst vor allem von männlicher Seite große Schmähung erfahren musste.

Mit Stupsnäschen, beruflich erfolgreich und - von alten Komplexen befreit - zur Schönheit erblüht, genießt sie es einige Zeit durchaus, plötzlich das Objekt manch männlicher Begierde zu sein und lässt sich auf Liebschaften ein, die allerdings enttäuschend enden. Dass ausgerechnet der Mann, den sie im Auge hat, sich ihr gegenüber weiterhin zurückhält, schmälert ihr Triumphgefühl gewaltig. Es bedarf also einiger Umwege, bis sie bei demjenigen landet, dem es nicht nur um Äußerlichkeiten geht und der bereits in der Vergangenheit die Frau hinter dem Näschen ganz toll gefunden hat.

Der Film aus dem Jahr 2010 basiert auf einer Graphic Novel von Posy Simmonds und ist mittlerweile auch als DVD erhältlich.

Härter und gruseliger geht es zum Thema Schönheitschirurgie in dem Horror-Thriller "Die Haut, in der ich wohne" zur Sache, der Mitte Oktober in die österreichischen Kinos kommt.


Im Operationssaal (k)ein Latin Lover

Als persönlichen Befreiungsschlag von seinem Image als Latin Lover - "das eine ganz schöne Belastung sein kann" - sieht der Schauspieler Antonio Banderas seine Rolle in diesem Thriller, in dem er als erfolgreicher plastischer Chirurg in seinem Geheimlabor eine Hauttextur aus Genmaterial von Schweinen und Menschen entwickelt, die unverwüstlich und unzerstörbar sein soll. Sein Motiv erscheint zunächst höchst menschlich, hat er doch seine Frau bei einem Autounfall verloren, bei dem deren schönes Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verbrannt ist.

Wie es sich gehört, finden sich für den kranken Arzt in diesem Horror-Schocker natürlich auch die erforderlichen menschlichen Versuchsopfer, an denen entsprechende Operationen vorgenommen werden. Der mysteriöse Schönheitschirurg schreckt dabei auch nicht davor zurück, an einer von ihm gefangen gehaltenen jungen Frau zu experimentieren, die ihn an seine eigene erinnert, und darüber hinaus auch die vermeintlichen Vergewaltiger seiner Tochter unters Messer zu bekommen; dass letztere nach den durchgeführten Eingriffen nicht wirklich besser aussehen werden als zuvor, kann man sich denken.


Vom Buch zum Film

Basierend auf dem Horror-Thriller "Mygale" von Thierry Jonquet hat der spanische Regisseur Pedro Pedro Almodóvar ein düsteres Filmepos geschaffen, das bereits bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes den Zuschauern unter die Haut, in der sie wohnen, ging. Die Hauptrolle Antonio Banderas anzuvertrauen hatte auch den Grund, dass Almodóvar schon zuvor bewundert hatte, wie geschickt der spanische Schauspieler mit seinen Händen ist. Schon als Zorro hätte Banderas ihn mit dem Schwert in der Hand sehr beeindruckt, daher wusste er, dass er auch die Sache mit dem Skalpell zwischen den Fingern perfekt meistern würde.

Auch der Wunsch, einmal ins Science-Fiction-Genre vorzudringen – so der Regisseur - hätte sich mit diesem Filmstoff ergeben, der ihm in Zeiten der Genforschung so abwegig nicht mehr erscheint. Gleichzeitig erzittere er regelrecht bei dem Gedanken, es könnte eines Tages tatsächlich gelingen, eine Welt mit künstlich erschaffenen Menschen zu bevölkern.

Als wäre es nicht Horrorvorstellung genug - wie bei Johannes Mario Simmel beschrieben - nach erfolgter Verbandabnahme, die auf ein totales Facelifting folgt, "mit verschwollenen Augen, dauernd tränend, die Haut herum blau, schwarz und grün verfärbt" dazuliegen und so auszusehen, wie man "nach einem Lifting eben so aussieht".


Buchtipps

Thierry Jonquet Die Haut, in der ich wohne - erschienen bei Hoffmann & Campe

Posy Simmonds Tamara Drewe (Graphic Novel) - erschienen bei Jonathan Cape Verlag


Filmtipps

Immer Drama um Tamara


Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.


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