Es passiert nicht alle Tage, zuweilen aber doch, dass aus Bloginhalten ein Roman und aus der dazugehörigen Bloggerin eine erfolgreiche Bestsellerautorin wird.
So geschehen mit Valeria di Napoli alias Pusatilla (= Küchenschelle), einer italienischen Werbetexterin Jahrgang 1981, die nicht nur ausgesprochen geistreich über sehr persönliche Pleiten, Pech und Pannen zu witzeln versteht, sondern durch diese zu ziemlich interessanten und amüsanten Einsichten und Ansichten gelangt.
Mit den zahlreichen Klicks, die ihr Blog (pulsatilla.splinder.com/) zwischen 2003 bis 2006 täglich verzeichnete, verbuchte die Italienerin mit dem Heilkraut-Nick nicht nur Rekordbesuche, sie erregte auch sehr bald mediale Aufmerksamkeit. Der Schritt zur Veröffentlichung ihrer Aufzeichnungen in Buchform war somit nur noch ein kleiner.
Mit "Pulsatilla – Die Ballade der Trockenpflaumen" liegt seit kurzem die deutsche Übersetzung des Romans "La Ballata delle Prugne Secche" vor, der in Italien gleich nach seinem Erscheinen 2006 zum "Sensationsbestseller" wurde. Wohlmeinende Kritiker von La Repubblica waren sich schnell darüber einig: jetzt, wo sie da ist, kann Bridget Jones einpacken.
Zwischen Schönheitswahn, Konsum und Internet
Pulsatilla, die ihre Zulassungsprüfung zum Universitätsstudium mit "frei nach dem Zufallsprinzip verteilten Kreuzchen" auf einem Fragebogen wider Erwarten dennoch geschafft hat, hält "Unsinn zu verzapfen" für ihre größte persönliche Begabung. Ein guter Grund für sie, Kommunikationswissenschaften zu studieren und Werbetexterin zu werden, auch auf die Gefahr hin, eines Tages festzustellen, dass es sich nicht gelohnt hat, für diesen Beruf "fünfundvierzig Millionen Lire" in eine Hochschulausbildung zu stecken, um danach Slogans zu schreiben, die einem – weil eben in gewisser Weise unsinnig - locker auch so eingefallen wären.
Zu viele "Wanderjahre im Chat"
Wohin also mit all dem "Unsinn", der einem – jung wie man ist – nun mal so in den Sinn kommt? Wohin mit "den Freuden und Nöten einer klassischen Achtziger – Jahre - Jugend", wie man sie in Zeiten zunehmenden Schönheitswahns um perfekte Maße und schmerzhafte Ganzkörperenthaarung als Singlefrau auf der Suche nach der perfekten Paarbeziehung inmitten einer Konsumgesellschaft erlebt hat, für die das Internet längst zum Paralleluniversum geworden ist – wenn nicht in den Blog, wo andere mitlesen, mitleiden und zuweilen sogar Rat und Trost spenden.
"Ich werde erwachsen (auch wenn ich weiß, dass mir das nicht steht)", heißt es im dritten und letzten Teil des Buches, in dem erste Bilanz über verschwendete Jugendjahre gezogen wird, die man rückblickend gesehen "wie eine Schiffbrüchige vor dem Computer" verbracht und wohl auch vergeudet hat.
Andererseits boten Chat und Blog aber auch "ausreichend Möglichkeit, neurotische Beziehungen anzuknüpfen" – daran wie im richtigen Leben zu scheitern. Zwar gibt es im richtigen Leben genug zu tun, um sich mit "Frustverwaltung" aufzuhalten, niederschmetternd ist es dennoch, dass sich beziehungsmäßig so gar nichts tut. Vertreibt man sich eben die Zeit damit, Personen, Körperteile und Erfahrungen zu kategorisieren.
Entzugserscheinungen
Mit ihrem Roman "Anleitung zum Entlieben" hat es die deutsche Psychologin und Werbetexterin Conni Lubek ebenfalls geschafft, ihre originellen, seit 2005 archivierten Bloggeschichten (www.blogigo.de/Lapared) erfolgreich zu veröffentlichen. Co-Autor Curd Rock – liebenswerter Rebell ohne Badehose und Geschenk eines Verflossenen - trägt seinen Teil zur unterhaltsamen Lektüre bei.
Blog wie Buch – so die Autorin – seien eine Mischung aus wahren und erfundenen Dingen. Das Hinzugefügte bezeichnet sie als "Fiktion im Dienst der Wahrheit", einzig dazu angetan, um das Wahre noch deutlicher zu machen, heißt es auf brigitte.de.
Mittlerweile sind dem ersten Band zwei weitere gefolgt. "Entlieben für Fortgeschrittene" und der im August dieses Jahres erschienene Roman "Das Beste zum Schluss". Endlich sieht die - in puncto Paarbeziehung von zahlreichen Rückschlägen - Gezeichnete den vielzitierten Lichtstreif am Horizont.
Und auch Pulsatilla scheint angekommen. Auch wenn dem Tag der Wende ein Abend vorangeht, der sich – wie sie es ausdrückt - eigentlich "nur mit zwei Wörtern: shit happens" beschreiben lässt. Das Bloggen lässt die erfolgreiche Autorin, die mittlerweile Drehbücher und einen weiteren Roman geschrieben hat, seit mehr als einem Jahr sein, was nicht weiter verwundern sollte. Nach Lektüre des Romans hat man ohnehin das Gefühl, es sei alles gesagt. Und das auf eine witzige und geistreiche Art, die Lesen zum Vergnügen macht.
Buchtipps
Valeria di Napoli Pulsatilla – Die Ballade der Trockenpflaumen - erschienen im Graf Verlag
Conni Lubek Das Beste zum Schluss - erschienen im Ullstein Verlag
Julie & Julia 365 Tage, 524 Rezepte und 1 winzige Küche - erschienen im Goldmann Verlag
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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