Der Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen ist neu entflammt und hat Belgien eine der schwersten Staatskrisen seit seiner Gründung im 19. Jahrhundert beschert. Michael Stürmer in der "Welt" über die Hintergründe dieses Konflikts:
Stürmer blickt den kommenden Entwicklungen mit Spannung entgegen: Wird die EU die Einheit Belgiens fördern oder auf die Trennung des tief gespaltenen Landes drängen? Eine für den "Welt"-Journalisten berechtigte Frage, denn Belgiens Probleme sind seiner Ansicht nach schwerwiegend. Auslöser der jüngsten Staatskrise war der Versuch der Regierung, die Grenzen der Wahlkreise von Brüssel und Umgebung neu zu bestimmen, um künftige Ergebnisse zu ihren Gunsten zu steuern. Denn, erklärt Stürmer das Dilemma: Die Umgebung Brüssels spricht flämisch mit allen Konsequenzen, die das auf politische Orientierung, Religion und persönliche Einstellung habe. Brüssel selbst ist jedoch zweisprachig (flämisch und französisch, Anm.). Der gewagte Versuch sollte scheitern, die Koalition zerbrach, so der Autor.
Um zu verstehen, worum es im zerstrittenen Belgien geht, ist für ihn daher ein Rückblick unerlässlich: Die Vorgeschichte geht bis ins Jahr 1830 zurück, als der Norden der Niederlande von Frankreich, Preußen und Großbritannien abgespalten und zum Staat Belgien ausgerufen wurde - mit dem Ziel, die niederländische Herrschaft einzuschränken. Das Problem laut Stürmer: Mit der willkürlichen Grenzziehung wurde einem Sprachenstreit Tür und Tor geöffnet, der bis heute nicht überwunden ist: Im Süden die französischsprachigen Wallonen, die sich seit dem Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie im Nachteil gegenüber dem wohlhabenden flämisch sprechenden Norden sehen. Umgekehrt hatten die Flamen jahrzehntelang leidenschaftlich für die Gleichstellung ihrer mit der französischen Sprache gekämpft.
Mit der EU schien es Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden zu geben, schildert Stürmer. Doch die Geschichte holt Belgien immer wieder ein. Das Resümee des "Welt"-Journalists: "Belgiens Regierung zerbricht am Sprachenstreit. Ein altes Problem ist wieder aufgebrochen."
Der Artikel erschien am 27. April 2010 in der Online-Ausgabe der deutschen Tageszeitung "Die Welt".

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