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Wikileaks zeigt Schwächen, Assange Nerven

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relevant Redaktion

Wikileaks zeigt Schwächen, Assange Nerven

02.09.2011
Julian Assange kämpft gegen seine Auslieferung. Seine Plattform Wikileaks um ihren guten Ruf.

Geschätzte 100 Informanten der USA dürften ihres Lebens nicht mehr sicher sein, seit rund 51.000 - der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielte - Botschaftsnachrichten unredigiert im Netz für alle zugänglich sind. Unredigiert bedeutet: sämtliche Namen von Informanten und Verbindungsleuten sind ungeschwärzt und damit identifizierbar. Auch für feindliche Regime oder Diktaturen zum Beispiel.

Der Hut für die betreffenden Personen brennt, ist sich Georg Fahrion von der Financial Times Deutschland sicher: "Man kann nur erahnen, in welcher Angst manche ihrer Gesprächspartner jetzt leben - und hoffen, dass sie die unverzeihliche Schlamperei bei der Enthüllungsplattform bemerkt haben, bevor es ihre Häscher taten - und in Sicherheit sind."


Keiner will es gewesen sein

Wer für dieses folgenschwere Dilemma verantwortlich zu machen ist, steht für Harald Schumann von Der Tagesspiegel außer Frage: "Assange (der Gründer von Wikileaks, Anm.) beanspruchte für sich allein die Macht zu entscheiden, wie mit den eingereichten Dokumenten verfahren wird. (...) Die Transparenz, die er so bedingungslos einforderte, wollte er für sich selbst nicht gelten lassen."

Doch Julian Assange spielt den Schwarzen Peter der britischen Tageszeitung The Guardian und dessen Enthüllungsjournalisten David Leigh zu, der gleichzeitig Verfasser des im Februar dieses Jahres erschienenen Buches "WikiLeaks: Inside Julian Assange's War on Secrecy" ist. Darin soll der Reporter jenes Passwort preisgegeben haben, über das er und seine Kollegen von Der Spiegel, El Pais und The New York Times Zugriff zu besagter Informationsdatei von Wikileaks hatten. Ein Deal, den die Enthüllungsplattform mit ausgesuchten Medien in Bezug auf alle ihre Inhalte vereinbart hat.

Während Assange rechtliche Schritte gegen Leigh und dessen Arbeitgeber erwägt, wollen diese den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Sie kontern, dass ihnen von Assange persönlich zugesichert worden sei, dass das besagte Passwort nach nur wenigen Stunden seine Gültigkeit verlieren würde. Dass es nach der Veröffentlichung des Buches immer noch in Verwendung gewesen sei, hätte man daher nicht angenommen.

Nicht nur, wenn es um die Verwendung von Passwörter geht, ist dem Experten Guido Strack (die taz) zufolge eine Lehre zu ziehen: "Die rein technische Sicherung der Anonymität, und das ist ja die Grundidee, die hinter Openleaks (deutsches Gegenstück von Wikileaks, Anm.) und Wikileaks steht, funktioniert nicht: Wenn sie Dokumente anonymisieren, muss das manuell erfolgen."


Alte Rechnung zwischen Gegnern?

Der Frage, wie Wikileaks über diese Affäre stolpern konnte, klärt dagegen Detlev Borchers von der Neuen Zürcher Zeitung auf: "Zu den Wikileaks-Aktivisten, die die Organisation in Richtung OpenLeaks verließen, gehörten neben Domscheit-Berg die wichtigsten Techniker und Softwareentwickler. (...) Seitdem treibt Wikileaks wie ein Motorschiff umher, dem das Getriebe ausgebaut und der Treibstoff abgelassen wurde."

Mit welchen Auswirkungen, hat Christian Stöcker von Der Spiegel in Erfahrung gebracht: "Neue Daten wurden lange Zeit nicht veröffentlicht und das Einreichungssystem der Plattform funktionierte nicht mehr - Assange zufolge, weil Domscheit-Berg es 'gestohlen' habe."

Durchaus brisant ist, dass der einstige Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg und Gründer von OpenLeaks mit dem deutschen Wochenmagazin Der Freitag kooperiert, das vergangene Woche die Affäre um Wikileaks ins Rollen brachte. Für einige stellt sich daher die Frage, ob Domscheit-Berg diese Enthüllung betrieben hat.

Das Magazin selbst kann die Aufregung um seinen Bericht nicht teilen, geht man nach dessen Autor Steffen Kraft, der daran erinnert: "Reporter ohne Grenzen hatte schon 2010 kritisiert, dass Wikileaks Hinweise auf afghanische Zuträger der US-Truppen veröffentlicht hatte."

Dennoch bleibt Johannes Kuhn von der Süddeutschen Zeitung dabei, dass die Datenpanne nicht nur Wikileaks in Mitleidenschaft ziehen werde: "Die Affäre dürfte auf jeden Fall den Ruf von Online-Plattformen für Whistleblower (Informanten, Anm.) stark beschädigt haben - und damit auch OpenLeaks."


Wikileaks versucht die Ehrenrettung

Trotz alledem will Christoph Prantner von Der Standard nicht die falschen Schlüsse ziehen und stellt klar: "Der Fehler war nicht, dass die Dokumente veröffentlicht wurden, sondern wie sie veröffentlicht wurden."

Das sieht Harry Nutt von der Berliner Zeitung etwas anders: "Dass die Inhaber geheimer Informationen sich künftig nicht mehr so offenherzig an Wikileaks wenden, kann nicht von Nachteil sein. Beim demonstrativen Spiel mit dem Datenfeuer zeigt Wikileaks, dass es über keine ausreichende Firewall (Software zur Sicherung des eigenen Netzwerkes, Anm.) verfügt."


Versuch einer Ehrenrettung

Wikileaks probt die Ehrenrettung und ruft per Twitter ihre zahlreichen User dazu auf, freigegebenes Material zu sondieren und auf brisante Informationen hin abzuklopfen; laut Christian Stöcker (Der Spiegel) "im Grunde eine Rückkehr zu den Wurzeln von WikiLeaks - Informationen veröffentlichen und sehen, was die Welt damit anstellt".

In London sitzt unterdessen Julian Assange, der per Gericht versucht, seine Auslieferung an Schweden zu verhindern, wo ihm ein Prozess wegen Vergewaltigung droht. Per Video-Vortrag ließ er die Konferenzteilnehmer im brasilianischen Sao Paulo am (gestrigen) Donnerstag laut Angaben des me-magazine wissen: "Wir haben noch nie etwas, was wir veröffentlicht haben, zurückgenommen."

Im konkreten Fall wäre es dafür auch zu spät. Denn der Schaden ist angerichtet, die rund 100 Informanten für jeden ermittelbar, der es wissen will. Dem Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen, Jean-François Julliard, will gegenüber Der Freitag daher auch festhalten: "Wikileaks hat seine Existenzberechtigung und kann eine wichtige Aufgabe erfüllen, aber es hat kein Recht, Menschen zu gefährden."

Ute Rossbacher


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