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Keine Langeweile mit Lagerfeld

03.08.2011
Unverstellt, pointenreich, punktgenau: Interviews mit Karl Lagerfeld sind Unterhaltung auf hohem Niveau.

In seinem Programm "Katerfrühstück" (ein absolut sehenswerter Kabarettklassiker aus dem Jahr 2002 über Männer, ihre Freundschaften und kleinen Geheimnisse!) witzelt Horst Schroth in einer kleinen Nebenepisode über das Wesen des Hamburgers ("Der lacht mehr nach innen"). Daran muss ich amüsiert denken, wenn ich Interviews mit dem gebürtigen Hamburger Modedesigner Karl Lagerfeld lese. Mit seinen trockenen Bemerkungen und entwaffnenden Aussagen über Beziehungen, Frauen und Männer oder Eltern und ihre Kinder bringt er jedenfalls mich dazu, ordentlich "nach außen zu lachen".

Karl Lagerfeld zählt nämlich zu einer der ganz wenigen Prominenten, deren Interviews ich prinzipiell alle lese bzw. sie mir ansehe. Denn der seit den 50er-Jahren in Paris lebende Designer stiehlt dem Leser nicht die Zeit mit ermüdenden Selbstbeweihräucherungen oder Banalitäten; mit derlei "Klimperkram" - wie er es in Die Zeit nennt - hält sich der arbeitssame Deutsche erst gar nicht auf.

Stattdessen unterhält er auf hohem Niveau, weil er gar nicht anders kann. Keine Frage bei seiner enormen Allgemeinbildung und seinem reichen Fundus historischer Zitate, die er für jedes Thema parat zu haben scheint. Präzise antwortet er auf jede Antwort und erspart sich und anderen jegliche verbale Überflüssigkeiten. Dass er dabei trotzdem nie ins Protokollarische verfällt, dafür sorgen seine Pointen, die wie seine schwarzen Handschuhe und seine weiße Zopffrisur unverwechselbare Markenzeichen sind. Marke Lagerfeld eben.


Hamburger Geschichten

Viele Antworten auf Fragen zu seinem Auftreten und seiner Haltung liegen in seiner Hamburger Kindheit, wie er selbst oft genug bestätigt. Sein Vater war Inhaber des Kondensmilch-Unternehmens "Glücksklee" und sprach mit Kindern kaum - weder den eigenen noch anderen. Damit konnte Lagerfeld junior allerdings gut leben, erinnert er sich im Interview mit Focus: "Ich glaube an die Beziehung Mutter-Kind. (...) Meine Mutter hat mir schon als Kind gesagt: 'Weißt du, man kann sich von jedem Mann ein Kind machen lassen, Männer sind unwichtig.'"

Überhaupt: die Mutter. Als wahres Unikum in Lagerfelds Erzählungen ragt sie immer wieder heraus, die von ihrem Sohn in glorreichen Zitaten liebevoll lebendig gehalten wird. Viele mögen es als Härte empfinden, was Lagerfeld von ihr zu hören bekam (ist es auch); in seiner Darstellung jedoch klingt es einfach witzig und originell.

"Ich weiß nur, daß ich zum Beispiel nicht gestillt worden bin. Muttermilch hat es nicht gegeben. Meine Mutter sagte, ich habe nicht einen Milchfabrikanten zum Mann, um meinen Busen für so etwas herzugeben, es gibt ja Dosenmilch", ließ Lagerfeld Die Zeit in einem Gespräch wissen.

In einem anderen Interview mit demselben Magazin gab er auf die Frage, ob ihn seine Bekanntheit auch manchmal störe, übrigens zur Antwort: "Gerade eben, vor der Tür, musste ich einem Touristenpaar die Hand schütteln. Wir kommen auch aus Deutschland, haben die gesagt. Da habe ich geantwortet: Das kommt vor, wir sind 80 Millionen."

Zeuge einer weiteren Sternstunde Lagerfelds wurde die Frankfurter Allgemeine Zeitung, als er auf das Thema Familie - diesmal nicht die eigene - zu sprechen kam: "Ich bin total dagegen, wie heute die Kinder in den Himmel gehoben werden, bevor sie zurückfallen in die Banalität, falls da nichts draus wird."

Und Konzerne, mit denen Lagerfeld so oft zusammengearbeitet hat, handelt er im selben Interview mit einem knappen aber vielsagenden Satz ab: "In großen Konzernen gibt es viele kleine Chefs."

Auch wenn es um sein eigenes Metier geht, macht Lagerfeld weder sich noch anderen etwas vor. Dazu gegenüber Die Zeit: "Wer zu tief denkt, ist in der Modebranche fehl am Platz. Ich meine, er kann denken, so tief er will. Aber er sollte seine tiefen Gedanken nicht an die Fetzen hängen, sonst wird es pathetisch."

Ein Prinzip, an das er sich zeitlebens gehalten hat, wie er gegenüber Gala erklärt: "Die ganze Welt muss einem egal sein. Dann schläft man sehr gut. Man darf nichts zu ernst nehmen."

Und angesprochen auf seine reges Interesse an der Gegenwart antwortet er dem Magazin Elle lapidar: "Die verschiedenen Leben erlauben mir, dass ich heute das bin, was ich bin. Und auch noch in die Welt von heute passe."


Die Kunst, andere zum Schweigen zu bringen ...

Während man Lagerfeld lieber länger zuhören möchte, hat der Kabarettist Erwin Pelzig (Kult-Sendung "Pelzig unterhält sich" im bayerischen Fernsehen) vor einigen Jahren die gegenteilige Erfahrung mit dem mittlerweile verstorbenen Münchner Modeschöpfer Rudolph Moshammer gemacht. Als dieser nicht mehr aufhören wollte, über seine Begegnungen am Nacktbadestrand, sein Hündchen Daisy und andere Alltäglichkeiten dahinzuplaudern, brachte Gastgeber Pelzig den leicht zu schockierenden Hundefreund sinngemäß mit folgender Episode eindrucksvoll zum Schweigen:

"Ich hatte ja auch einmal einen Hund wie Sie, Herr Moshammer. Da habe ich immer schlecht geschlafen und mich gefragt: Mei, was wenn mich der Hund überlebt. Und was soll ich Ihnen sagen: Läuft das Tier eines Tages auf die Straße und wird überfahren. Und sehen's: Jetzt schlaf' ich wieder gut."


Artikel, informative Websites oder Sehens- bzw. Hörenswertes in Radio und Fernsehen: In unserer Kolumne "Media's Digest" stellt relevant-Redakteurin Ute Rossbacher wöchentlich ihre Medientipps vor.


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