In meiner Schulzeit war für mich der Samstag, was der Mittwoch für Blumenfreunde ist (glaubt man zumindest dem Werbeslogan eines bekannten Düngerherstellers). Denn an jenem Tag erschien im Kurier-Magazin Freizeit die Kolumne von Sir Peter Ustinov. Ihm, den in der Rolle des Hercule Poirot das Gespür für Menschen keine Sekunde verließ, traute ich natürlich auch die höchste Kompetenz in politischen Fragen zu. Ehrfürchtig las ich seine Betrachtungen, in der Meinung, dass Ustinov diese Texte NUR für die Kurier-Leser schreibt und sonst niemand anderen! (Dazu gleich mehr.)
An die treffsicheren Gegenüberstellungen des 2004 verstorbenen Weltenbürgers (er sprach acht Sprachen, die Dialekte nicht mitgerechnet) erinnere ich mich zum Teil noch heute. Einer seiner gelungensten gab der Schauspieler in einem Interview mit dem Radiosender Ö1 wenige Jahre vor seinem Tod zum Besten. Auf die Frage der Journalistin nach der heutigen Rolle der Weltmacht USA antwortete er lässig - britisch - lapidar: "Die USA haben vier Zeitzonen, die ehemalige Sowjetunion elf. Also: Wer ist hier die Weltmacht?"
Touché! Soll noch einer sagen, dass man bei Ustinov nicht was fürs Leben (und gleich die Millionenshow mit dazu) lernt!
Vom Kolumnisten zum Bestseller
Sie werden es sich ja vermutlich schon gedacht haben: Der vielseitige Künstler hat natürlich nicht nur für den Kurier geschrieben, sondern für viele internationale Tageszeitungen. Unter anderem den britischen Independent, den ich aus besonderen Gründen hervorheben möchte.
Denn das renommierte Blatt beweist ein unglaublich gutes Händchen bei der Auswahl seiner Kolumnisten. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Journalistin Helen Fielding die Abenteuer ihrer Single-Heldin Bridget Jones einst wöchentlich im Independent einer damals noch überschaubaren und begeisterten Fangemeinde erzählte, lange bevor sie als Bestseller-Autorin die Leser auf der ganzen Welt eroberte?
Der gute Ruf der Autoren färbt offenbar auf die Zeitung ab: Denn auch in der britischen Kino-Komödie "Immer Drama um Tamara" feilt die gleichnamige Protagonistin ausgerechnet als Kolumnistin des Independent an ihrer Schriftsteller-Karriere.
So ist es keine Überraschung, dass die Zeitung neben vielversprechendem Schriftsteller-Nachwuchs auch prominente Autoren für Kolumnen und Gastbeiträge gewinnen kann. Zum Beispiel Musiker.
Vom Stadion in den Stall
Mit ihrem Erfolgsalbum "The Great Escape" stimmte die britische Band Blur 1995 eine musikalische Satire auf den Londoner Finanzadel und dessen Leben zwischen Börse und Golfplatz, Champagnerpartys und Landhaus-Dinner an. Jahre später bediente sich Bassist Alex James noch einmal des einstigen Plattentitels, um für The Independent wöchentlich aus seinem Leben zu erzählen. Dieses spielt sich mittlerweile vor allem in den Cotswolds - einer iyllisch gelegenen Region im Herzen Englands, die etlichen Stars als Rückzugsort dient - ab. Dort hat sich der Mitt-40er vor einigen Jahren niedergelassen, um mit seiner Frau Claire ein neues Leben als Landwirt und Käsehersteller zu beginnen und einen Strich unter das exzessive Bühnenleben, das er fast 15 Jahre lang geführt hatte, zu ziehen.
Noch in den 90er-Jahren - am Höhepunkt seiner Band-Karriere - brüstete sich der Musiker grinsend damit, dass er jährlich 1/10 der gesamten Jahresproduktion von Champagner konsumiere. Dazu Drogen und Alkohol aller Art.
Beziffern kann der mittlerweile dank Yoga, Diät und Pilotenausbildung regenerierte und erschlankte James seine Ausschweifungen heute nicht mehr. Aber die Berechnungen, die der passionierte Hobby-Astronom und -Journalist in seinen Kolumnen mittlerweile anstellt, sind ohnehin gänzlich anderer Natur: "Ich habe fünf Kinder - alle jünger als sechs. (...) Wir sind also sieben. Sieben, die täglich beim Mittag- und Abendessen gemeinsam an einem Tisch sitzen. Das ist, als ob jeden Tag Weihnachten wäre - ständig nur abwaschen und keine Geschenke."
Launig im einen, überraschend tiefsinnig im nächsten Moment: Der Musiker lässt den Leser nicht kalt, ob er eindringlich einen Abend in der Notaufnahme mit seinen Zwillingen schildert, seine Leserschaft an den musikalischen Sessions mit Nachbarin Lily Allen teilhaben lässt, stolz den preisgekrönten Käse Marke James präsentiert oder über den Beginn des Herbstes sinniert.
Wer die eine oder andere Anspielung in seinen Kolumnen, die seit letztem Sommer ruhen, genauer zuordnen möchte, hat Gelegenheit, sich in seiner 2007 in englischer Sprache erschienenen Autobiografie "Bit of a Blur" an den üppigen Anekdoten über die britische Musikszene der 90er-Jahre und internationale Stars und Sternchen sattzulesen.
Von Chefs und Konzernen
Was Martin Suter mit Blur gemeinsam hat? Nun, ähnlich wie die britische Band blickt auch er amüsiert auf die Eitelkeiten der Führungskräfte in großen Konzernen. Die Kolumnen des Schweizer Autors erschienen - noch bevor er zum bekannten Bestseller-Autor avancierte - in diversen deutschsprachigen Tageszeitungen und Magazinen, darunter der Schweizer Weltwoche oder dem Handelsblatt. Ein Lese-Genuss!
Der Titel "Business Class" steht dabei für das Alltagsgeschehen zwischen den Konzernetagen. Einem Thema, dem sich Suter mit feiner Klinge annähert und dabei aus einem reichen Fundus an Eindrücken und Erlebnissen schöpft, die er vermutlich noch in der Zeit, als er in der Werbebranche arbeitete, sammeln konnte.
Immer wieder ertappe ich mich, dass ich zustimmend lächle, wenn Suter hinter die Kulissen der Konzern-Klausuren und -Meetings blickt. Denn anders als sein französischer Kollege Frédéric Beigbeder versteht der Schweizer seine Texte nicht als persönliche Abrechnung mit einer Branche oder Verteufelung marktwirtschaftlicher Mechanismen, sondern amüsierten Blick auf die offizielle und - spannender noch - informelle Büro-Hierarchie.
Wer es vor einigen Jahren versäumt hat, sich an Suters unterhaltsamen und pointierten Texten zu erfreuen, kann diese immerhin noch in den gesammelten Bänden nachlesen. Eine Gelegenheit, die sich gerade konzerngestählte Mitarbeiter (und natürlich auch Führungskräfte) nicht entgehen lassen sollten!
Fortsetzung folgt ...
Lesetipps
Alex James Bit of a Blur. The official Autobiography of Alex James - erschienen bei Little, Brown Book Group
Peter Ustinov Über das Leben und andere Kleinigkeiten - erschienen bei List Taschenbuch
Martin Suter Business Class. Manager in der Westentasche - erschienen im Weltwoche-ABC-Verlag
Martin Suter Business Class. Mehr Manager in der Westentasche - erschienen im Weltwoche-ABC-Verlag
Martin Suter Business Class. Noch mehr Manager in der Westentasche - erschienen im Weltwoche-ABC-Verlag
Martin Suter Business Class. Geschichten aus der Welt des Managements - erschienen bei Diogenes
Martin Suter Business Class. Neue Geschichten aus der Welt des Managements - erschienen bei Diogenes
Martin Suter Huber spannt aus und andere Geschichten aus der Business Class - erschienen bei Diogenes
Martin Suter Unterm Strich. Und andere Geschichten aus der Business Class
Martin Suter Unter Freunden. Und andere Geschichten aus der Business Class - erschienen bei Diogenes
Martin Suter Das Bonus-Geheimnis und andere Geschichten aus der Business Class - erschienen bei Diogenes
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