Als "eines meiner Lieblingsprojekte" bezeichnete der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei vor drei Jahren die Versetzung eines vier Tonnen schweren Felsbrockens aus der von einer Erdbebenkatastrophe gewaltigen Ausmaßes heimgesuchten südwestchinesischen Provinz Sichuan auf den Gipfel des steirischen Dachsteins. Ein Kunstprojekt, das - 2008 im Rahmen des Kulturfestivals "regionale" durchgeführt - vor allem in der Steiermark für große Diskussionen sorgte. Dem Widerstand begegnete der Konzeptkünstler mit den Worten "ein Projekt gewinnt immer an Bedeutung, sobald die Leute dagegen sind."
Mittlerweile, so scheint es, hat sich die Aufregung gelegt. Es ginge ihm darum, "aller Menschen und aller verlorenen Leben auf allen Plätzen in dieser globalen Situation zu gedenken", ließ der Künstler, der sich auch als Bildhauer, Fotograf und Architekt einen Namen gemacht hat, wissen. "Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen" habe er auf diese Weise das Schicksal der 20.000 Todesopfer dieses Unglücks unvergessen machen wollen.
Viele offene Fragen
Vor allem die Tatsache, dass bei diesem Beben über den Köpfen unzähliger Kinder Schulgebäude wie Kartenhäuser einstürzten, hat den politisch verfolgten Aktivisten tief erschüttert. Sein Bemühen, die Behörden auf die verantwortungslose Bauweise mit minderwertigem Material hinzuweisen und eine Untersuchung anzuordnen, brachte ihm, der mittlerweile als starke, öffentliche Stimme Chinas weltweit gehört wird, in seiner Heimat große Schwierigkeiten ein.
"Warum ist es so schwer, Ideen auszutauschen, sich hinzusetzen und miteinander zu reden?" Diese Frage stellte Weiwei im April dieses Jahres in einem Interview auch Henrik Bork von der Süddeutschen Zeitung. Die Geschehnisse der letzten Monate lassen zumindest erahnen, wie die Antwort darauf lauten könnte. Der Künstler, der kurz danach verhaftet wurde und im Juni überraschend gegen Kaution wieder frei kam, ist – nachdem man ihn 2009 mit der Schließung seines Blogs zum Verstummen bringen wollte – zurzeit mehr denn je im Gespräch. Dafür sorgt nach all der öffentlichen Aufregung weltweit auch die für 25. Juli angekündigte Veröffentlichung seines Buches "Macht euch keine Illusionen über mich" (Galiani Verlag Berlin).
Ai Weiweis verbotener Blog erscheint somit erstmals in Deutsch und wird von Seiten des Verlages – angesichts seiner derzeit besonders schwierigen persönlichen Situation - nicht ohne Sorge als "einer der spannendsten Texte über das moderne China und als ergreifendes Dokument wachsender Wut und wachsenden Widerstands" angekündigt.
Der Architekt und Fotograf
In Österreich werden sich in diesem Jahr zwei bedeutende Ausstellungen mit dem Werk des aktivistischen Künstlers auseinandersetzen. Bereits am 15. Juli findet im Kunsthaus Bregenz die Eröffnung der Ausstellung "Ai Weiwei – Anfang gut. Alles gut" statt. Die Schau, die sich vor allem auf die Architekturprojekte Weiweis konzentriert, wird bis Mitte Oktober zu sehen sein. Eine seiner spektakulärsten Arbeiten nimmt dabei die gesamte Fläche von 500 m2 eines einzigen Stockwerks ein.
Mit der ersten großen Foto- und Videoausstellung "Ai Weiwei – Interlacing" – zusammengestellt vom Fotomuseum Winterthur (Schweiz) – wartet das Kunsthaus Graz ab 18. September auf. Die Aufnahmen von dem radikalen städtebaulichen Wandel, der Suche nach Erdbeben-Opfern und der Zerstörung seines Shanghai-Studios werden zusammen mit den kunstfotografischen Projekten, dem documenta-Projekt Fairytale und den unzähligen Blog- und Handy-Fotografien vorgestellt. Ein umfangreiches Material- und Archivbuch begleitet die Ausstellung (Kunsthaus Graz).
Aufgeben gilt nicht
Gäbe es zehn Mutige wie ihn, wäre "meine Last nur noch ein Zehntel" - so der chinesische Künstler, dem man von behördlicher Seite längst nahe gelegt hat, sein Land zu verlassen, im Interview (Süddeutsche Zeitung) vor seiner Verhaftung im April. Ans Aufgeben dachte er, der immer noch Wege findet, seine Botschaften zu twittern und dabei von mittlerweile 91.000 Lesern begleitet wird, vor seiner Verhaftung im April jedenfalls nicht. Es macht auch Spaß, wie er sagt: "Gleichzeitig habe ich große Angst."
Buchtipps
Ai Weiwei Macht euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog - erscheint am 25.7.2011 im Galiani Verlag Berlin
Caroline Klein Ai Weiwei Architecture – erschienen bei DAAB Media
Renate Rossbacher ist freie Autorin. 1998 hat sie ihren Lyrik-Band "Man wird nicht reif, man wird nur müde" im Karin Fischer Verlag veröffentlicht; seitdem weitere Gedichte und Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien.

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