So war das Ende der 90er-Jahre: Eine Meldung war für mich überhaupt erst existent, wenn sie von der BBC bestätigt wurde. Da konnte ich den Fernsehsender noch regulär via Kabel empfangen und die stündlichen Updates live aus London verfolgen.
Alle habe ich sie gekannt - die Vollblut-Journalisten und Teilzeit-Korrespondenten Anita McNaught und ihre wackeren Mitstreiter Peter Dobbie, George Eykyn oder Richard Quest; die übrigens - möchte ich an dieser Stelle erwähnen - jede interessierte Zuseheranfrage noch persönlich beantwortet haben (glauben Sie es ruhig, ich hab's probiert)!
Journalisten mit Charakter
Neben hohen journalistischen Standards prägten jeden von ihnen ausgeprägte persönliche Markenzeichen. Beginnen wir - Ladys first - mit Anita McNaught, über die ihr neuseeländischer Landsmann Philip Matthews von www.listener.co.nz vor einigen Jahren so treffend bemerkte: "Eine Zeitlang konnte man Anita überhaupt nur dann auf dem Bildschirm sehen, wenn man an Schlaflosigkeit litt und eine Vorliebe für Kriegsverbrechen und Katastrophen hatte - denn sie tauchte immer erst zu den unmöglichsten Zeiten nach Mitternacht auf, um die Nachrichten von BBC zu präsentieren."
Ein Highlight - die tägliche One-Man-Show von Richard Quest, der mit seiner legendären Reibeisenstimme und seinem komischen Talent teleprompter-fixierte Kollegen aus dem Konzept und Zuseher zum Lachen brachte. Mit derselben Methode knackte er die sperrigsten Interviewpartner und komplexe Wirtschaftsthemen; die er seinen zahlreichen Fans charmant und verständlich wie das kleine 1*1 servierte.
Nicht zu vergessen der smarte Peter Dobbie, der (sein Glanzauftritt, finde ich) während eines telefonischen Live-Interviews mit der damaligen EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner um ein Haar seine schottische Fassung verloren hätte, da ihm die Österreicherin konsequent auf keine einzige seiner Fragen eine klare Antwort gab, sondern sich routiniert in Floskeln hüllte.
Last but noch least - George Eykyn, der alljährlich Anfang Juli in Belfast zur Stelle war, wenn es bei den traditionellen Umzügen der Protestanten zu Ausschreitungen in den katholisch dominierten Wohnsiedlungen kam. Da konnten hinter ihm schon die Autos brennen, Eykyn behielt seine Fassung und Freundlichkeit und antwortete auch dann noch geduldig auf jede Studiofrage, wenn die Flammen schon bedrohlich nahe kamen.
Goodbye, BBC
Und plötzlich hieß es: Goodbye, BBC! Denn mit Beginn der Nuller-Jahre verschwanden der britische Sender und seine vertrauten Gesichter über Nacht aus dem örtlichen Kabelnetz. Ich sag's, wie's ist: Nur deshalb habe ich auf CNN umgeschaltet und - immerhin - Richard Quest wieder getroffen, der in der Zwischenzeit seinen Arbeitgeber gewechselt hatte.
Nun, zehn Jahre später, da ich BBC endlich wieder empfangen kann, muss ich feststellen: Von jenen Journalisten, die mir noch ein Begriff waren, ist kaum noch jemand zu sehen. Fast hätte ich wieder meine alte Gewohnheit aufleben lassen und eine E-Mail nach London geschrieben.
Nun weiß ich, dass auch die BBC den Sparstift der britischen Regierung zu spüren bekommen hat, bereits etliche Mitarbeiter abbauen musste und sich noch von weiteren 3.000 in den kommenden fünf Jahren trennen wird - wie die Sunday Times in Erfahrung gebracht hat (mittels Abhöraktion, who knows?).
Wiedersehen mit Freunden
Im Internet habe ich sie dann aber alle wieder gefunden! Und was mich dabei besonders überraschte: Sie produzieren nicht nur Schlagzeilen, sie machen auch gleich selber welche. Das nenn' ich wahre Berufung.
Ex-BBC-Reporterin Anita McNaught berichtet mittlerweile für den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera von den Brennpunkten in der arabischen Welt. In den Mittelpunkt des internationalen Interesses rückte sie 2006, als ihr damaliger Ehemann - der für das amerikanische Fernsehen tätige Kameramann Olaf Wiig - in Gaza als Geisel genommen wurde. McNaught ließ es sich nicht nehmen, die Verhandlungen mit den Geiselnehmern persönlich zu führen und boxte Wiig und dessen Kollege wieder raus. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, mehr über das Leben der mutigen Journalistin zu erfahren, kann ihre täglichen Eindrücke und Erlebnisse auf Twitter nachlesen. Spannend!
Unfreiwilligen Mut zur öffentlichen Selbstdarstellung beweist auch Richard Quest. Der ehemalige BBC-Reporter, der seit 2001 für CNN im Einsatz ist und auch dort zu den Publikumslieblingen zählt, wurde eines Nachts im Jahr 2008 von der Polizei im New Yorker Central Park aufgegriffen: halbnackt, mit nichts weiter als einer kleinen Menge Drogen und einem Seil ausgerüstet. Wir alle wissen: Das wirft Fragen auf. Doch seine treuen Fans zogen es vor, keine zu stellen (diese Aufgabe übernahmen ohnehin allzu bereitwillig die Boulevard-Journalisten), sondern wollten ihn viel lieber wieder auf dem Bildschirm sehen. Dorthin kehrte Quest nach halbjähriger Auszeit zurück und arbeitete sich rasch wieder zu alter journalistischer Stärke hoch.
Vergleichsweise harmlos nimmt sich das Leben des einzigen mir noch bekannten BBC-Journalisten Peter Dobbie aus: Der passionierte Triathlet und Snowboarder nimmt erfolgreich an Marathonbewerben rund um den Globus teil, wenn er nicht gerade aus den Krisengebieten dieser Welt berichtet.
Und: George Eykyn ist es in Nordirland mit den Jahren vielleicht doch buchstäblich zu heiß geworden. Er arbeitet mittlerweile für eine Beratungsagentur, die unter anderem im Auftrag von britischen Parteien agiert.
Very british
Dass man kein gebürtiger Engländer sein muss, um die feine englische Art zu lieben und zu leben, beweist der langjährige London-Korrespondent des Norddeutschen Rundfunks (NDR), Rolf Seelmann-Eggebert.
Soweit muss man es im Leben erst einmal bringen, dass der ARD-Programmdirektor Günter Struve über einen sagt: "Für mich gilt eine Ehe gar nicht als ordentlich geschlossen, wenn er nicht mit dabei war."
Denn der Journalist kommentierte in seiner Funktion als Adelsexperte schon etliche Hochzeiten des europäischen Hochadels - bevorzugt des britischen - für das deutsche Fernsehen, zuletzt jene von Kate und William.
Spekulationen oder Fettnäpfe umgeht der 74-Jährige, der in lupenreinem britischen Akzent Englisch spricht, dabei weiträumig. Das liegt wohl auch daran, dass er beste Kontakte zur Queen und deren Familie bzw. der Politik pflegt und daher seine Informationen aus erster Hand bezieht. So entsteht eine ausgewogene Mischung aus persönlichen Anekdoten und Fakten, die keine Langeweile aufkommen lässt. Ganz nebenbei ist der Wahlbrite übrigens Träger des Verdienstordens "The Most Excellent Order of the British Empire".
Seinen nächsten großen Auftritt hat Seelmann-Eggebert am 10. September, wenn er für den NDR die "Last Night of The Proms" live aus London kommentiert. Das legendäre Abschlusskonzerts des sommerlichen klassischen Musikreigens wartet traditionell mit allen großen Seemannshymnen ("Jerusalem", "Rule Britannia" ...) auf, die auch Nicht-Briten feierlich stimmen. Zeit, die Texte zu lernen, bleibt also noch genug!
Yes, Minister!
Sehr aufschlussreich, wie das Zusammenspiel von Politik und Medien auf den Britischen Inseln funktioniert, ist ja immer noch die Fernsehsatire "Yes, Minister!" (bzw. später "Yes, Prime Minister!") aus den 80er-Jahren, die ich mir erst kürzlich wieder angesehen habe. Von der BBC im Jahr 2004 zur sechstbesten Sitcom des Landes gekürt, hat sie an Aktualität nichts eingebüßt.
Getoppt wird sie höchstens vom wahren Leben: The Guardian, einer der renommiertesten Blätter Großbritanniens, klagte vor wenigen Jahren vor Gericht bei der britischen Regierung das "Recht auf Information" ein, nachdem jene versucht hatte, Informationen über den Falklandkrieg unter Verschluss zu halten. Bezeichnend für die britischen Verhältnisse ist: Recht bekam am Ende die Tageszeitung - nicht die Politik. Ein entscheidender Sieg des Journalismus im Mutterland der Pressefreiheit - der allerdings leider auch dem britischen Boulevard zugute kommt.
Artikel, informative Websites oder Sehens- bzw. Hörenswertes in Radio und Fernsehen: In unserer Kolumne "Media's Digest" stellt relevant-Redakteurin Ute Rossbacher wöchentlich ihre Medientipps vor.

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