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Otto Habsburg (1912 - 2011)

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Otto Habsburg (1912 - 2011)

04.07.2011
Ein Jahrhundert hat er erlebt. Eine Ära (mit-) geprägt; die mit seinem Tod aber auch zu Ende geht.

In den Nachrufen aller Parteien wird der heute (Montag) im Alter von 98 Jahren verstorbene Otto Habsburg für sein Engagement für Österreich und Europa gewürdigt. Der älteste Sohn von Kaiser Karl I. und dessen Frau Zita hätte - fasst es Hans Werner Scheidl von Die Presse zusammen - "als Erzherzog-Thronfolger einmal eine europäische Großmacht beherrschen sollen – als ältester Abgeordneter zum Europäischen Parlament hat er den Lebensbogen beendet."

Dass mit seinem Tod nicht nur ein Abschnitt österreichischer Geschichte zu Ende geht, wird durch die Zeilen von Hans Rauscher von Der Standard deutlich: "Was nach ihm kommt, trägt zwar den Namen des Herrschergeschlechts, das 650 Jahre lang Österreich regierte, wird aber aller Voraussicht nach nicht die geschichtliche Aura herüberretten können, die Otto auch fast 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie noch umgab."


"Thronfolger ohne Thron"

Als Otto Habsburg am 20. November 1912 geboren wird, geht die österreichisch-ungarische Monarchie bereits unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Seine Eltern bereiten ihn ungeachtet der zunehmenden politischen Spannungen in der Donaumonarchie auf seine Rolle als Kaiser von Österreich und König von Ungarn vor: Er wächst mehrsprachig auf und soll neben der österreichischen auch die ungarische Matura erwerben.

Der Erste Weltkrieg, dessen Auslöser die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo war, verändert Europas Landkarte jedoch grundlegend. 1919 wird in dem geografisch geschrumpften Österreich die Republik ausgerufen. Diese verabschiedet in einem ersten Schritt das Habsburgergesetz: Demzufolge wird über die Familie ein Einreiseverbot verhängt, so sie nicht freiwillig auf ihren Herrschaftsanspruch bzw. Adelstitel verzichtet. Von der Schweiz aus versucht Ottos Vater noch einmal die Monarchie herzustellen; was letztlich zur Verbannung der Familie auf die portugiesische Insel Madeira führt, wo Karl I. 1922 stirbt. Daraufhin lässt sich jene im Baskenland nieder.


Flucht und Rückkehr

Noch während seines Studiums tritt Otto erstmals ins Rampenlicht: Karl Schuschnigg erwägt, in der aufgeheizten Atmosphäre der 30er-Jahre die Monarchie - unter der Führung von Otto als Kaiser - wieder einzuführen. Dieser jedoch will selbst Bundeskanzler werden, um mit militärischen Mitteln den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu verhindern. Schuschnigg lehnt diesen Vorschlag ab. Hitler jedoch ist gewarnt und organisiert unter den Titel "Unternehmen Otto" den Einmarsch der deutschen Truppen nach Österreich.

Die Familie Habsburg wird unter der NS-Herrschaft enteignet und verliert ihre Reichsbürgerschaft. Dem per Steckbrief gesuchten Otto Habsburg gelingt die Flucht in die USA, wo er das Gespräch mit ranghohen westlichen Politikern sucht und mithilft, Juden und politisch Verfolgten Einreisepapiere zu verschaffen. In einem Interview, das er Jahrzehnte später der Neuen Zürcher Zeitung gibt, erinnert er sich an diese Zeit: "Meine erste Priorität war der Kampf gegen den Nationalsozialismus, also die Erhaltung Österreichs. Da war ich für Allianzen mit wem auch immer."

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt Otto wieder nach Europa zurück. Er erhält österreichische Papiere, diese besitzen allerdings nur beschränkte Gültigkeit, da seit 1945 wieder die Verfassung von 1929 und damit das Habsburgergesetz im Kraft sind. Über seine Kontakte nach Frankreich und Spanien erhält Otto unter anderem einen Reisepass.

Gerade Ottos enge Verbindungen zu Spanien in dieser Zeit sieht Stefan Müller von Die Zeit kritisch: "Gar nicht in dieses vornehme Bild passt die Sympathie des Kaisersohns für den Caudillo Francisco Franco, der 1936 einen erbitterten Bürgerkrieg gegen die spanische Volksfrontregierung entfesselte. (...) Just mithilfe des Faschisten startete Habsburg 1952 sein politisches Engagement."


Tauziehen um Habsburgergesetz

1954 lässt sich dieser mit seiner Frau und seinen Kindern (insgesamt sieben) im bayerischen Pöcking nieder. Das Tauziehen mit Österreich um die Aufhebung des Habsburgergesetzes spitzt sich noch einmal in den 60er-Jahren zu; nachdem sich ÖVP und SPÖ nicht darauf einigen können, den Habsburgern ihre Besitztümer zurückzugeben, geht es im Wesentlichen nur noch um einen Streitpunkt: die Frage, ob die Habsburger nach Österreich einreisen dürfen. Die Angelegenheit erledigt sich mit der Alleinregierung der ÖVP ab 1966, die Habsburg einen österreichischen Reisepass ausstellt. Bei seinem ersten Besuch in der alten Heimat gibt es noch Proteste. Ab den 70er-Jahren entspannt sich das Verhältnis zwischen seiner Familie und der heimischen Politik jedoch merklich.


Ein Leben für Europa

Otto Habsburg hat sich seit der Errichtung des Eisernen Vorhangs der Aufgabe verschrieben, diesen diplomatisch und letzlich auch politisch zu überwinden - in seiner Funktion als Präsident und später Ehrenpräsident der Paneuropa-Union, aber auch als CSU-Abgeordneter im EU-Parlament; ein Amt, das er nach der Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft im Jahr 1978 20 Jahre lang bekleiden wird.

Dazu Otto Klambauer vom Kurier: "Seine Liebe galt Mitteleuropa und der Europa-Politik. Ein Einsatz, der im August 1989 den historischen Höhepunkt fand. Das von ihm initiierte Paneuropa-Picknick an der Grenze Österreich-Ungarn wurde zum Riss im Eisernen Vorhang."


Politische Schatten

Habsburg ist anerkannt - als Politiker, Publizist und Vermittler zwischen den Ländern. Gleichzeitig sorgt er immer wieder für Irritation: als er 1998 die Kritik an seinem Sohn, der unter Verdacht steht, in eine Spendenaffäre verwickelt zu sein, mit der Judenverfolgung vergleicht; Petitionen der umstrittenen rechtsnationalen Zeitschrift "Junge Freiheit" unterstützt; oder bei einer Festrede bei einer Gedenkveranstaltung 2008 Österreich als "erstes Opfer Hitlers" bezeichnet.


Im Schatten von Otto Habsburg

Am Ende steht ein Leben, das Geschichte in epischer Breite umfasst: zwei Weltkriege, das Ende der Monarchie, die Gründung und Erweiterung eines vereinten Europas, den Beginn und Fall des Eisernen Vorhangs und die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in Europa seit 1989. Damit nimmt Otto Habsburg zweifelsfrei eine besondere Stellung in der jüngeren Geschichte Österreichs ein. Aber auch in seiner eigenen Familie: Er ist der "Thronfolger ohne Thron" (Hans Werner Scheidl, Die Presse), der vermutlich auch ohne ebenbürtigen politischen Erben bleiben wird.

Ute Rossbacher

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